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Samstag, 17. Mai 2008

Früchte der Moralphilosophie

"Happiness, I suggest, is the positive feeling we experience on account of our horizontally and vertically nonfragmentary perception or judgment of our actual life as going the way the descriptive aspect of our conception of a good life for us specifies."
(Kurt Baier: The Rational and the Moral Order. The Social Roots of Reason and Morality, Chicago and La Salle, Illinois: Open Court 1995, S. 147.)

Mittwoch, 14. Mai 2008

Bitte gehen sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen.

Aus Mangel an sonstigen Ideen lasse ich euch mal an den Highlights meiner Schopenhauer-Lektüre teilhaben. Auch wenn das jetzt keine so großartigen Neuigkeiten sind, weil das bestimmt die meisten so ungefähr kennen - dennoch interessant, wo nicht albern oder sogar blöd, es im Originalwortlaut zu lesen:

Zuerst: gegen Hegel (das ist natürlich bei weitem nicht die einzige Stelle, aber dafür eine mit einem schönen Fremdwort):
"Jedoch die größte Frechheit im Auftischen baaren Unsinns, im Zusammenschmieren sinnleerer, rasender Wortgeflechte, wie man sie bis dahin nur in Tollhäusern vernommen hatte, trat endlich im Hegel auf und wurde das Werkzeug der plumpesten allgemeinen Mystifikation, die je gewesen, mit einem Erfolg, welcher der Nachwelt fabelhaft erscheinen und ein Denkmal Deutscher Niaiserie bleiben wird." (Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, Anhang, S.548.)

Das schöne Fremdwort bedeutet laut Duden übrigens dies:
Ni|ai|se|rie ‹lat.-vulgärlat.-fr.› die; -, ...ien: (veraltet) Albernheit, Dummheit, Einfältigkeit

Schopenhauers Begründung, warum das Judentum ein ungeeigneter Gegenstand der Kunst ist:

"Entschieden nachtheilig wirken historische Vorwürfe nur dann, wann sie den Maler auf ein willkürlich und nicht nach Kunstzwecken, sondern nach anderen gewähltes Feld beschränken, vollends aber wann dieses Feld an malerischen und bedeutenden Gegenständen arm ist, wenn es z.B. die Geschichte eines kleinen, abgesonderten, eigensinnigen, hierarchisch d.h. durch Wahn beherrschten, von den gleichzeitigen großen Völkern des Orients und Occidents verachteten Winkelvolks ist, wie die Juden." (Ibid., §48, S. 309 f.)

Schopenhauer plaidiert für den Beinahe-Nudismus (für "sehr schöne" Menschen):

"Nämlich, wie die schöne Körperform bei der leichtesten, oder bei gar keiner Bekleidung am vortheilhaftesten sichtbar ist, und daher ein sehr schöner Mensch, wenn er zugleich Geschmack hätte und auch demselben folgen dürfte, am liebsten beinahe nackt, nur nach Weise der Antiken bekleidet, gehen würde; - ebenso nun wird jeder schöne gedankenreiche Geist sich immer auf die natürlichste, unumwundenste, einfachste Weise ausdrücken, bestrebt, wenn es irgend möglich ist, seine Gedanken Andern mitzutheilen, um dadurch die Einsamkeit, die er in einer Welt wie diese empfinden muß, sich zu erleichtern [...]" (Ibid., §47, S. 306.)

- Was meint er überhaupt mit "nach Weise der Antiken"? Togen? Und das soll unter "beinahe nackt" fallen? - Da hat der Nudismus doch gewisse Forschritte gemacht seit Schopenhauer.

Und zuletzt, warum der Mensch eine opportunistische und verlogene Decksau ist und Bescheidenheit eine blöde Tugend:

"Zwar lassen auch die Plattesten die anerkannt großen Werke auf Autorität gelten, um nämlich ihre eigene Schwäche nicht zu verrathen: doch bleiben sie im Stillen stets bereit, ihr Verdammungsurtheil darüber auszusprechen, sobald man sie hoffen läßt, daß sie es können, ohne sich bloß zu stellen, wo dann ihr lang verhaltener Haß gegen alles Große und Schöne, das sie nie ansprach und eben dadurch demüthigte, und gegen die Urheber desselben, sich freudig Luft macht. Denn überhaupt um fremden Werth willig und frei anzuerkennen und gelten zu lassen, muß man eigenen haben. Hierauf gründet sich die Nothwendigkeit der Bescheidenheit bei allem Verdienst, wie auch der unverhältnißmäßig laute Ruhm dieser Tugend, welche allein, aus allen ihren Schwestern, von Jedem der es wagt einen irgendwie ausgezeichneten Mann zu preisen, jedenmal seinem Lobe angehängt wird, um zu versöhnen und den Zorn der Werthlosigkeit zu stillen. Was ist denn die Bescheidenheit Anderes, als geheuchelte Demuth, mittelst welcher man, in einer von niederträchtigem Neide strotzenden Welt, für Vorzüge und Verdienste die Verzeihung Derer erbetteln will, die keine haben? Denn wer sich keine anmaaßt, weil er wirklich keine hat, ist nicht bescheiden, sondern nur ehrlich." (Ibid., §49, S. 312 f.)

(Zitiert nach: Artur Schopenhauers Werke in fünf Bänden. Nach den Ausgaben letzter Hand, hrsg. von Ludger Lütkehaus,
Zürich: Haffmanns 1988)

Montag, 24. Dezember 2007

Ni dieu, ni maître, ni Noël

Heute feiern alle Christen die Geburt des Christkindes (außer denen, die die Gregorianische Kalenderreform noch immer nicht anerkennen). Denn schließlich heißt es in Joh. 3, 1-3: "Es begab sich aber am vierundzwanzigsten Tage des Monats Dezember, im Jahr 7 v.Chr., dass in Bethlehem das Christkind geboren ward. Doch der Herr bewirkte in seiner unermesslichen Gnade, dass durch ein Wunder der Hymen der Heiligen Jungfrau Maria beim Geburtsvorgang unversehrt blieb. Die Engelein auf dem Dache schmetterten zu Fanfarenklängen 'Last Christmas' von 'Wham!'."

Für alle, die lieber eine Tasse im Schrank als einen Engel auf dem Dach haben, gibt es heute aber auch noch anderes zu feiern. Zum Beispiel besteht eine Chance von vier zu 1461, dass es ein 24. Dezember war, an dem Lucretia von einem Sohn des letzten römischen Königs vergewaltigt wurde und sich daraufhin des Leben nahm; laut Überlieferung der Auslöser für den Sturz des Königtums und die Errichtung der römischen Republik. Außerdem wurde Lucretias Verhalten sowohl von heidnischen Römern als auch, Jahrhunderte später, von den Christen als vollkommene Verkörperung der Tugend der Keuschheit gepriesen. Naja. Hätte sie mal lieber den Vergewaltiger umgebracht. Mein Lieblingsbild zu diesem Thema stammt von Il Sodoma (1513). Hätte Lucretia gewusst, dass sie zweitausend Jahre später SO gemalt werden würde, hätte sie es sich vielleicht nochmal anders überlegt:
Viel lieber mag ich da eine andere Geschichte, die ebenfalls mit einer Wahrscheinlichkeit von vier zu 1461 an einem 24. Dezember stattgefunden hat: Beim Diskuswerfen, der antiken Variante von Frisbee, wobei allerdings mit Tonscheiben operiert wurde, da es ja noch kein Plastik gab - beim Diskuswerfen also verursachte kein Geringerer als Apollon den tragischsten Sportunfall aller Zeiten. Um seinen jungen Favoriten, den wunderschönen Hyazinth, zu beeindrucken, schleuderte er den Diskus mit aller Kraft. Hyazinth, nicht minder bestrebt, Eindruck auf seinen göttlichen Liebhaber zu machen, rannte so schnell er konnte, um die Scheibe zu fangen. Allerdings erwischte eher der Diskus den Jungen als umgekehrt, und Hyacinth war dahin. Der arme Apollon konnte nichts mehr tun, als, bittere Tränen weinend, aus dem Blut des Jünglings eine Blume, die Hyazinthe, wachsen zu lassen.
Kann man sich eine anrührendere Geschichte vorstellen? Ich jedenfalls nicht. Jean Broc ebenfalls nicht, wie sein wunderbares Ölgemälde von 1801 beweist (welches das Geschehen freilich nicht im Dezember, sondern in eher sommerlicher Umgebung verortet):

Samstag, 5. Mai 2007

Idee für eine Science-Fiction-Story

Im Jahr 2200 haben Frauen die Weltherrschaft errungen. Männer sind nur noch bessere Haustiere, in ihrer intellektuellen und seelischen Entwicklung vom dann so genannten "denkenden Geschlecht" weit abgehängt. Unter den Historikerinnen dieser Zeit gilt die Lehrmeinung als unumstößlich, dass die Gynokratie durch einen als "Feministische Revolution" bezeichneten Umschwung im Verlauf des einundzwanzigsten Jahrhunderts herbeigeführt wurde. Denn erst zu dieser Zeit habe die technische Entwicklung der Menschheit einen Stand erreicht, auf dem die "weiblichen", d. h. geistigen und sozialen Qualitäten wichtiger wurden als die "männlichen", nämlich asoziale Rücksichtslosigkeit, Egomanie, Körperkraft, Nepotismus und rohe Gewalt. Doch dann stößt die Protagonsitin der Geschichte, eine junge, hochbegabte Idealistin und Lieblingsstudentin der Koryphäe der feministischen Sozialgeschichtsschreibung, in halbvergessenen Archiven auf brisante Dokumente, die eindeutig beweisen: Die Feministische Revolution wurde durch eine neue, ultraeffektive Diät ausgelöst, die auf der Erkenntnis beruht, dass Denken schlank macht. (Und übrigens auch der Hautalterung vorbeugt!) Erst nimmt niemand ihre neue Theorie ernst, doch dann vernichten geheime Mächte das gesamte Archiv mit einer Brandbombe und versuchen gleichzeitig, unsere Protagonistin zu töten. Mit der Hilfe ihrer Professorin kann sie entkommen und Kontakt zu einer linksradikalen Untergrundbewegung von gynokratiekritischen Kommunistinnen aufnehmen. Dort erfährt sie von einem depressiven und hochbegabten jungen Mann - den seine Magersucht zum Intellektuellen gemacht hat. Auch er musste untertauchen, denn in der gynokratischen Welt ist kein Platz für intelligente Männer, die nicht auf den Namen "Hasso" hören und die Zeitung apportieren wollen. Die einzige Chance unserer Heldin ist es, diesen Mann zu finden, um so ihre Theorie zu beweisen. Eine abenteuerliche Suche beginnt...

Sonntag, 4. März 2007

Die Erleuchtung des Ernst Torben Saalreiter

"Ich erkannte, dass mein bisheriges Leben ein Irrtum gewesen war. Das völlige Scheitern meines Lebens war die Gnade, die mir zuteil wurde, damit daraus die völlige Bekehrung entsprieße. Ich verlor alles, um alles zu erhalten. Meine Armut war meine Reinheit, meine Reinheit war mein Reichtum. Ich hatte nichts mehr außer mir selbst, und es gab für mich keine Zukunft. So gab ich mich auf. So warf ich mich weg. So saß ich im Wald und aß nicht und trank nicht. So saß ich drei Tage lang, und ich war nackt. Dann stand ich auf und ging Tag und Nacht gen Sonnenuntergang. Jeder Schritt brachte mich 3 Zentimeter voran, dauerte drei Minuten und gebar 3 Erleuchtungen. So schritt ich drei weitere Tage und Nächte und mir wurden viele Erleuchtungen zuteil, nämlich 4320. Es waren aber 240 Erleuchtungen, denn jede Erleuchtung kam mir drei mal an jedem Tag, und in jeder Nacht wiederholten sich alle Erleuchtungen des Tages. Doch die größte Erleuchtung kam mir nach dem letzten Schritt, und ich hielt inne. Denn vor mir war ein großer Misthaufen mit vielen Fliegen, und ich erkannte in jeder Fliege eine Erleuchtung. Und wie die Fliegen um jenen Misthaufen kreisten, kreiste jede Erleuchtung um die Große Weisheit. So legte ich mich in den Misthaufen, auf dass mir die Große Weisheit zuteil werde. Und dort lag ich weitere drei Tage, in den Nächten aber stand ich auf und verfolgte die Fliegen. Denn die Fliegen erschienen am Tag, aber sie verschwanden in der Nacht. So auch erscheint uns die Weisheit des Tags, doch entschlüpft sie uns in der Nacht. In der ersten Nacht aber traf ich einen Maulwurf, und ich sah, er war blind. Für ihn gab es weder Tag noch Nacht, und so versteht er nicht, warum die Fliegen entschwinden, denn er weiß nichts von der Tageszeit. In der zweiten Nacht aber traf ich eine Eule, und für sie war der Tag die Nacht und die Nacht der Tag, und weiß war für sie schwarz. Denn wie für uns die Nacht zu dunkel ist zum Sehen, so ist für sie der Tag zu hell. Am dritten Tag aber war Neumond, und ich lief gegen einen Baum, denn es war so dunkel, ich konnte ihn nicht sehen. Und ich blieb liegen bis zum Morgen, und ich erkannte, für den Baum ist jeder Tag ein einatmen und jede Nacht ein ausatmen. Und ich kehrte am dritten Morgen zurück zu dem Misthaufen, und ich sah den Weg zur Großen Weisheit. Ich legte mich in den Misthaufen wie jeden Tag, aber diesmal sank ich ein ins Innere des Misthaufens, und der Mist umschloss mich und machte dunkel den Tag wie die Nacht. Und ich hörte auf zu atmen. Und im Misthaufen waren Tag und Nacht eins, und ich erkannte, dass der Misthaufen die Fliegen gebar wie die Große Weisheit die Erleuchtungen. Doch wie die Fliegen nur am lichten Tag aus dem Misthaufen entspringen können, so werden die Menschen erleuchtet am Tag, aber in der Nacht verlieren sie die Gnade. Und ich nahm den Misthaufen in mich auf, und er durchdrang mich. Und ebenso nahm ich die Weisheit in mich auf, und sie durchdrang mich. Und die Weisheit ergoss sich in mich. Und als ich wieder aufstand, war die Sonne versunken, doch die Nacht war hell wie der Tag, denn ich trug den Samen der Großen Weisheit in mir, und er gebar Erleuchtungen noch und noch. Und ich sage euch: Das war der Bodhi-Misthaufen."

Samstag, 17. Februar 2007

Jugendschrott

Ja aber ja aber ja aber schließlich sind sie ja selber schuld [aber]. Anders haben sie es ja nicht haben wollen. Immer nur haben haben haben, denn so ist die Jugend von heute. Ist ja [aber] auch kein Wunder, denn jede Gesellschaft produziert die Jugend, die sie verdient. Also, die sie sich nach gegebenem Stand der Produktionskräfte leisten kann. Diese Jugend wird dann früher oder später überholt, dann wird sie verschrottet und eine neue wird angeschafft. Ist auch besser so, denn was will man mit all der alten Jugend: hat ja keine street credibility mehr [aber], so graumeliert und mit langem Bart, vor allem auch die Mädels. Deshalb kann es auch nicht angehen, durch fortgesetztes Ignorieren einfach darüber hinweg sich zu setzen, hinweg, äh, über das Problem der Endlagerung des zu Würfeln gepressten Jugendschrotts. Denn so, das ist ja wohl klar [aber], setzt man sich langfristig nirgendwo hin, außer: in die Nesseln. Meine Damen und Herren, das ist die lautere Wahrheit: Wir leben in einer nesselsüchtigen Gesellschaft! Wir trauen uns nicht, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen, denn es ist das verschrottete und in Würfel gepresste Gesicht unserer vorgestrigen Jugend! Die Würfel haben eine Kantenlänge von fast fünf Metern, erwähnte ich das schon? Es ist auch kein Wunder, ich an unserer Stelle würde das Problem auch verdrängen. Es erinnert uns an unsere - was uns nämlich sehr unangenehm daran ist, dass wir eine haben, verständlicherweise, und deshalb denken wir nicht dran, und an nichts, was uns dran erinnert - an unsere eigene Sterblichkeit. Man könnte sagen: da liegt der Hund begraben! Oder: Das ist des Pudels Kern![Ja] Aber natürlich in der umgekehrten Reihenfolge. Denn auch wir waren mal jung. Was hätten wir gemacht, wenn unsere Eltern uns einfach verschrottet hätten, damals? Diese Frage kann ich beantworten, denn sie steht in unseren Geschichtsbüchern. Wir hätten sie zuerst verschrottet! Jedenfalls hätte ich das getan, an unserer Stelle. Hätte man damals auf mich gehört, der Erfolg würde mir Recht gegeben haben! So[ja] aber zeugen nur unsere Geschichtsbücher davon. Das ist bedauerlich. Geschichtsbücher sind ja schön und gut, aber schon Lenin sagte: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Deshalb sollten wir nicht einfach blind unseren Geschichtsbüchern vertrauen, wir sollten kontrollieren, ob sie auch stimmen! Also, sozusagen, ich sage das jetzt in meinen eigenen Worten: ob die Vergangenheit sich auch daran hält. [Ja] Aber die ist ja schon [aber] vorbei, werden Sie sagen. Ja! [Aber!] Das ist richtig! Ebenso wie die Jugend der letzten Saison! So bedenken Sie doch. Wohin damit, oder, wie Lenin sagte: Was tun? Wenn der Linksradikalismus die Kinderkrankheit des Kommunismus ist, so ist die Jugendschrottentsorgung seine Pubertätsakne. Darum sollten wir, bevor wir uns um die Endlagerung des Jugendschrotts bemühen, den Kommunismus überhaupt erst einmal einführen! Auch das habe ich schon vor langem gefordert, allerdings habe ich es nicht in die Geschichtsbücher geschrieben, denn die Einführung des Kommunismus betrifft nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft. Die Zukunft, so möchte ich hinzufügen, die Zukunft unserer Gegenwart! Unserer aller Gegenwart seine Zukunft. Äh, ihre.