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Dienstag, 7. Oktober 2008

Bartwuchs für alle!

Hui, war ich schon lange nicht mehr hier online...
Ich versuche mal einen kleinen Neuanfang mit diesem bemerkenswerten Plakat, das ich heute entdeckte:

Die Frau-Mann-Transsexualität und das Dragkingdom sind offenbar in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wir sehen hier eine durchaus hübsche, attraktive Frau vor uns, ausgestattet mit sehr regelmäßigem Bartwuchs und kräftigen Augenbrauen - da kann man als Mann ja fast neidisch werden.
Aber worin bestehen jetzt die unerwünschten Nebenwirkungen dieser Hormone - das ist mir unklar.

Freitag, 14. März 2008

Analfissur und Hämorrhoiden (- mit neuem Nachtrag!!!)

Natürlich wissen jetzt schon wieder alle, worum es geht. Denn ich bin ja immer ein wenig hinterher und erlange meine Erkenntnisse aus zweiter oder dritter Hand, wenn es eh schon alle wissen.
Aber egal. Ich fahre jedenfalls für eine Woche in Urlaub zu meiner heiß geschätzten und hoch geliebten Verwandschaft, und nehme ihr wisst schon welches Buch mit als Reiselektüre (neben dem allgegenwärtigen Hegel, versteht sich) - genau: "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche. Und das verspricht unterhaltsam zu werden, schließlich geht es um eine junge Frau mit blumenkohlförmigen Hämorrhoiden, die sich bei der Porasur in die Rosette schneidet, deswegen ins Krankenhaus kommt sich dort "mit ihrem Körper untenrum vorne und untenrum hinten beschäftigen" muss - weil Charlotte Roche es so will. Das ganze soll so eine Art Anti-Hygienefimmel-Porno sein und ich bin schon sehr gespannt.
Genauere Erläuterungen dazu gibt's hier und hier und eine rührende Analsex-Story von Roger Willemsen hier. Aber was sag ich, kennt ihr ja alles schon.

Nachtrag vom 29. 03. 2008:

Ich weiß natürlich, dass ihr alle ganz furchtbar neugierig seid und unbedingt wissen wollt, wie be nun diesen ominösen "Vivamoderatorinnenroman" fand! Und das will ich euch auch auf keinen Fall vorenthalten!

Hier meine äußerst differenzierte Beurteilung:
Gesamturteil: Sehr gut (1,3)
Sprachliche Qualität: Gut (2,0)
Formaler Aufbau: Gut (2,3)
Inhalt: Sehr gut (1,3)
Konsequenz der Ausführung: Sehr gut (1,0)
Wichsfaktor (Skala von null bis fünf): 2,5
Ekelfaktor: je nach Robustheit des Lesers (ich hörte von Frauen, die das Buch schon in der Mitte angewidert zur Seite legten); in meinem Fall: 2
Ekelhöhepunkte: Kotze (von zwei Menschen) wird (von diesen zwei Menschen) aus einem Eimer getrunken, blutige Tampons werden in Fahrstühlen abgelegt, Mineralwasser wird im Mund gegurgelt und in die Flasche zurückgespuckt um es hernach Gästen anzubieten, mit einer grillgut- und rußbehafteten Grillzange wird ein Tampon aus der Vagina geholt (und die Zange danach ungewaschen zurückgelegt), auf verdreckten Bahnhofstoilettensitzen wird extra einmal mit der Muschi herumgewischt, um die Angst der Hygienefanatiker vor Krankheiten ad absurdum zu führen, es wird in der Nase gepopelt und das zu Tage geförderte sodann gegessen, ebenso werden Hautkrusten und ausgedrückte Pickel verspeist - und das alles von der Hauptfigur des Buches, der 18-jährigen Helen Memel, die das natürlich überhaupt nicht eklig findet, sondern vielmehr toll und teilweise sogar erregend.
Autoerotikfaktor: sehr hoch

Urteilsbegründung:
Auch wenn das Buch literarische Schwächen haben mag (die so groß allerdings auch nicht sind, finde ich), ist die Hauptfigur Helen Memel einfach klasse erfunden. Sie ist nämlich äußerst konsequent. Konsequent in ihrer Abneigung gegen Hygienevorschriften, die ihr von verklemmten Leuten (besonders ihrer Mutter) gemacht werden, die ständig betonen, dass Hygiene ungemein wichtig ist und dass man krank wird, wenn man nicht peinlich genau darauf achtet. Und dass überhaupt alles ganz furchtbar peinlich und eklig ist, was von den Hygienevorstellungen abweicht, die vor allem darin bestehen, dass sämtliche Körperausscheidungen, -gerüche und -flüssigkeiten bäh sind und dashalb ständig weggeputzt und überdeckt und versteckt werden müssen, wenn sie denn schon vorhanden sein müssen. Das Schöne an dem Buch ist, dass Helen Memel ungemein konsequent gegen diese Auffassungen angeht und mit wissenschaftlichem Eifer die Hygienemythen zu widerlegen trachtet. Deswegen reicht es nicht, dass sie sich auf die Klobrillen öffentlicher Toiletten draufsetzt, nein sie wischt noch einmal extra mit der Muschi die Brille entlang, um endgültig zu beweisen, dass man davon nicht krank wird. Der andere schöne Zug an Helen Memel (und Charlotte Roches Roman) ist der, dass sie in Bezug auf Sex überhaupt kein bisschen ein "versautes Stück" ist (im Gegensatz zu dem, was Jessica Zeller in der Jungle World schreibt - die aber überhaupt sehr viel Halbgares und Blödes schreibt, so dass ich mich sehr geärgert habe - zum Beispiel die Story sei "dünn" und das Buch funktioniere nur als Provokation). Helen Memel ist vielmehr geradezu unschuldig in ihrer zugleich außerst tabulosen Ausübung der Sexualität. Unbefangen und ohne Verklemmungen erforscht sie jeden Winkel ihres eigenen Körpers und fremder Körper (unter anderem zu diesem Zweck besucht sie zum Beispiel Bordelle) und probiert aus, was man damit alles machen kann. Aber dabei spielt kein einziges Mal ein irgendwie geartetes Tabu, das gebrochen würde, der Ruch des Verbotenen, die Aufregung des Unmoralischen oder Ähnliches eine Rolle, was ja sonst gerade in der erotischen und pornographischen Literatur gerne aufgegriffen wird, um dadurch erst die gewünschte Erregung beim verklemmten Publikum zu erzielen. Hier dagegen geht es vor allem um die Neugier und äußerst ausgeprägte Phantasie von Helen Memel, der immer neue Dinge einfallen, die man mit all den schönen Körperteilen und -funktionen so anstellen kann - und die auch keine Hemmungen hat, all das auszuprobieren, was ihr so einfällt - auch (oder gerade), wenn es mit Schmerzen und Verletzungen verbunden ist. Und emanzipatorisch oder vielleicht auch feministisch ist das Buch genau deswegen, weil Helen sich in keiner Hinsicht etwas sagen lässt, sondern alles selbst ausprobieren will und sich dabei von keinerlei vorgegebenen Grenzen aufhalten lässt, ob Hygienenormen oder "gesunder Menschenverstand" (oder von fast keinen: das Nasepopeln hat sie in die Einsamkeit der abgeschlossenen Toilette verlegt, weil das ihre Freunde zu irritieren schien). Jedenfalls schämt sie sich nicht im geringsten dafür, dass sie Dinge erregend findet, die andere (oder gar die meisten) total eklig und abstoßend finden. Auch schön ist, dass Helens Sexualität in hohem Maße autoerotisch ist, sie masturbiert viel und mit Freude und experimentiert dabei - nicht nur mit Avokadokernen. Dieses ziemlich idiosynkratische Element von Helen Memels Sexualität, das ungehemmt ausgelebt wird, verbunden mit ihrer wissenschaftlichen Neugier, finde ich, ist das eigentlich Tolle und auch Emanzipatorische an dem Buch.
Alles in allem: von Helen Memel kann man viel lernen.

Dienstag, 12. Februar 2008

Hegel elitär für alle

Warum nicht mal wieder (nach ungefähr mehreren Monaten) ein "Zitat der Woche"! Schließlich soll die vermaledeite Hegel-Lektüre, mit der ich gerade beschäftigt bin, auch zu was gut sein. Wenn ich schon von der "Phänomenologie" nicht viel verstehe, dann dafür umso besser diese Stelle aus dem kurzen Aufsatz "Wer denkt abstrakt?" von 1807 - eine sehr treffende Darstellung, wie ich finde:

"Alte, ihre Eier sind faul, sagt die Einkäuferin zur Hökersfrau. Was, entgegnet diese, meine Eier faul? Sie mag mir faul sein! Sie soll mir das von meinen Eiern sagen? Sie? Haben ihren Vater nicht die Läuse an der Landstraße aufgefressen, ist nicht ihre Mutter mit den Franzosen fortgelaufen und ihre Großmutter im Spital gestorben, - schaff sie sich für ihr Flitterhalstuch ein ganzes Hemd an; man weiß wohl, wo sie dies Halstuch und ihre Mützen her hat; wenn die Offiziere nicht wären, wär jetzt manche nicht so geputzt, und wenn die gnädigen Frauen mehr auf ihre Haushaltung sähen, säße manche im Stockhause, - flick sie sich nur die Löcher in den Strümpfen! - Kurz, sie läßt keinen guten Faden an ihr. Sie denkt abstrakt und subsumiert sie nach Halstuch, Mütze, Hemd usf. wie nach den Fingern und anderen Partien, auch nach [dem] Vater und der ganzen Sippschaft, ganz allein unter das Verbrechen, daß sie die Eier faul gefunden hat; alles an ihr ist durch und durch mit diesen faulen Eiern gefärbt, dahingegen jene Offiziere, von denen die Hökersfrau sprach - wenn anders, wie sehr zu zweifeln, etwas daran ist -, ganz andere Dinge an ihr zu sehen bekommen mögen."

Das Aufsatz ist wirklich sehr kurz, den könnte ja jeder mal schnell lesen, falls er Lust hat. Weil er so kurz ist, zitiere ich einfach den ganzen Aufsatz hier mal (das ist bestimmt total illegal) - als Service an der philosophischen Bildung des Lesers:

WER DENKT ABSTRAKT?1)
[1807]
Denken? Abstrakt? - Sauve qui peut! Rette sich, wer kann! So höre ich schon einen vom Feinde erkauften Verräter ausrufen, der diesen Aufsatz dafür ausschreit, daß hier von Metaphysik die Rede sein werde. Denn
Metaphysik ist das Wort, wie abstrakt und beinahe auch Denken, ist das Wort, vor dem jeder mehr oder minder wie vor einem mit der Pest Behafteten davonläuft.
Es ist aber nicht so bös gemeint, daß, was denken und was abstrakt sei, hier erklärt werden sollte. Der schönen Welt ist nichts so unerträglich als das Erklären. Mir selbst ist es schrecklich genug, wenn einer zu erklären anfängt, denn zur Not verstehe ich alles selbst. Hier zeigte sich die Erklärung des Denkens und des Abstrakten ohnehin schon als völlig überflüssig; denn gerade nur, weil die schöne Welt schon weiß, was das Abstrakte ist, flieht sie davor. Wie man das nicht begehrt, was man nicht kennt, so kann man es auch nicht hassen.
Auch wird es nicht darauf angelegt, hinterlistigerweise die schöne Welt mit dem Denken oder dem Abstrakten versöhnen zu wollen; etwa daß unter dem Scheine einer leichten Konversation das Denken und das Abstrakte eingeschwärzt werden sollte, so daß es unbekannterweise, und ohne eben einen Abscheu erweckt zu haben, sich in die Gesellschaft eingeschlichen [hätte] und gar von der Gesellschaft selbst unmerklich hereingezogen oder, wie die Schwaben sich ausdrücken, hereingezäunselt worden wäre und nun der Autor dieser Verwicklung diesen sonst fremden Gast, nämlich das Abstrakte, aufdeckte, den die ganze Gesellschaft unter einem anderen Titel als einen guten Bekannten behandelt und anerkannt hätte. Solche Erkennungsszenen, wodurch die Welt wider Willen belehrt werden soll, haben den nicht zu entschuldigenden Fehler an sich, daß sie zugleich beschämen und der Machinist sich einen kleinen Ruhm erkünsteln wollte, so daß jene Beschämung und diese Eitelkeit die Wirkung aufheben, denn sie stoßen eine um diesen Preis erkaufte Belehrung vielmehr wieder hinweg.
Ohnehin wäre die Anlegung eines solchen Planes schon verdorben; denn zu seiner Ausführung wird erfordert, daß das Wort des Rätsels nicht zum voraus ausgesprochen sei. Dies ist aber durch die Aufschrift schon geschehen; in dieser, wenn dieser Aufsatz mit solcher Hinterlist umginge, hätten die Worte nicht gleich von Anfang auftreten dürfen, sondern, wie der Minister in der Komödie, das ganze Spiel hindurch im Überrocke herumgehen und erst in der letzten Szene ihn aufknöpfen und den Stern der Weisheit herausblitzen lassen müssen. Die Aufknöpfung eines metaphysischen Überrocks nähme sich hier nicht einmal so gut aus wie die Aufknöpfung des ministeriellen, denn was jene an den Tag brächte, wäre weiter nichts als ein paar Worte; denn das Beste vom Spaße sollte ja eigentlich darin liegen, daß es sich zeigte, daß die Gesellschaft längst im Besitze der Sache selbst war; sie gewänne also am Ende nur den Namen, dahingegen der Stern des Ministers etwas Reelleres, einen Beutel mit Geld, bedeutet.
Was Denken, was abstrakt ist - daß dies jeder Anwesende wisse, wird in guter Gesellschaft vorausgesetzt, und in solcher befinden wir uns. Die Frage ist allein danach, wer es sei, der abstrakt denke. Die Absicht ist, wie schon erinnert, nicht die, sie mit diesen Dingen zu versöhnen, ihr zuzumuten, sich mit etwas Schwerem abzugeben, ihr ins Gewissen darüber zu reden, daß sie leichtsinnigerweise so etwas vernachlässige, was für ein mit der Vernunft begabtes Wesen rang- und standesgemäß sei. Vielmehr ist die Absicht, die schöne Welt mit sich selbst darüber zu versöhnen, wenn sie sich anders eben nicht ein Gewissen über diese Vernachlässigung macht, aber doch vor dem abstrakten Denken als vor etwas Hohem einen gewissen Respekt wenigstens innerlich hat und davon wegsieht, nicht weil es ihr zu gering, sondern weil es ihr zu hoch, nicht weil es zu gemein, sondern zu vornehm, oder umgekehrt, weil es ihr eine Espèce, etwas Besonderes zu sein scheint, etwas, wodurch man nicht in der allgemeinen Gesellschaft sich auszeichnet, wie durch einen neuen Putz, sondern wodurch man sich vielmehr, wie durch ärmliche Kleidung oder auch durch reiche, wenn sie auch aus alt gefaßten Edelsteinen oder einer noch so reichen Stickerei besteht, die aber längst chinesisch geworden ist, von der Gesellschaft ausschließt oder sich darin lächerlich macht.
Wer denkt abstrakt? Der ungebildete Mensch, nicht der gebildete. Die gute Gesellschaft denkt darum nicht abstrakt, weil es zu leicht ist, weil es zu niedrig ist, niedrig nicht dem äußeren Stande nach, nicht aus einem leeren Vornehmtun, das sich über das wegzusetzen stellt, was es nicht vermag, sondern wegen der inneren Geringheit der Sache.
Das Vorurteil und die Achtung für das abstrakte Denken ist so groß,
daß feine Nasen hier eine Satire oder Ironie zum voraus wittern werden; allein, da sie Leser des Morgenblattes2) sind, wissen sie, daß auf eine Satire ein Preis gesetzt ist und daß ich also ihn lieber zu verdienen glauben und darum konkurrieren als hier schon ohne weiteres meine Sachen hergeben würde.
Ich brauche für meinen Satz nur Beispiele anzuführen, von denen jedermann zugestehen wird, daß sie ihn enthalten. Es wird also ein Mörder zur Richtstätte geführt. Dem gemeinen Volke ist er nichts weiter als ein Mörder. Damen machen vielleicht die Bemerkung, daß er ein kräftiger, schöner, interessanter Mann ist. Jenes Volk findet die Bemerkung entsetzlich: was, ein Mörder schön? wie kann [man] so schlecht denkend sein und einen Mörder schön nennen; ihr seid auch wohl etwas nicht viel Besseres! Dies ist die Sittenverderbnis, die unter den vornehmen Leuten herrscht, setzt vielleicht der Priester hinzu, der den Grund der Dinge und die Herzen kennt.
Ein Menschenkenner sucht den Gang auf, den die Bildung des Verbrechers genommen, findet in seiner Geschichte schlechte Erziehung, schlechte Familienverhältnisse des Vaters und der Mutter, irgendeine ungeheure Härte bei einem leichteren Vergehen dieses Menschen, die ihn gegen die bürgerliche Ordnung erbitterte, eine erste Rückwirkung dagegen, die ihn daraus vertrieb und es ihm jetzt nur durch Verbrechen sich noch zu erhalten möglich machte. - Es kann wohl Leute geben, die, wenn sie solches hören, sagen werden: der will diesen Mörder entschuldigen! Erinnere ich mich doch, in meiner Jugend einen Bürgermeister klagen gehört [zu haben], daß es die Bücherschreiber zu weit treiben und Christentum und Rechtschaffenheit ganz auszurotten suchen; es habe einer eine Verteidigung des Selbstmordes geschrieben; schrecklich, gar zu schrecklich! - Es ergab sich aus weiterer Nachfrage, daß Werthers Leiden verstanden waren.
Dies heißt abstrakt gedacht, in dem Mörder nichts als dies Abstrakte, daß er ein Mörder ist, zu sehen und durch diese einfache Qualität alles übrige menschliche Wesen an ihm [zu] vertilgen. Ganz anders eine feine, empfindsame Leipziger Welt. Sie bestreute und beband das Rad und den Verbrecher, der darauf geflochten war, mit Blumenkränzen. - Dies ist aber wieder die entgegengesetzte Abstraktion. Die Christen mögen wohl Rosenkreuzerei oder vielmehr Kreuzroserei treiben, das Kreuz mit Rosen umwinden. Das Kreuz ist der längst geheiligte Galgen und Rad. Es hat seine einseitige Bedeutung, das Werkzeug entehrender Strafe zu sein, verloren und kennt im Gegenteil die Vorstellung des höchsten Schmerzes und der tiefsten Verwerfung, zusammen mit der freudigsten Wonne und göttlicher Ehre. Hingegen das Leipziger [Kreuz], mit Veilchen und Klatschrosen eingebunden, ist eine Kotzebuesche Versöhnung, eine Art liederlicher Verträglichkeit der Empfindsamkeit mit dem Schlechten.
Ganz anders hörte ich einst eine gemeine alte Frau, ein Spitalweib, die Abstraktion des Mörders töten und ihn zur Ehre lebendig machen. Das abgeschlagene Haupt war aufs Schaffot gelegt, und es war Sonnenschein; wie doch so schön, sagte sie, Gottes Gnadensonne Binders Haupt beglänzt! - Du bist nicht wert, daß dich die Sonne bescheint, sagt man zu einem Wicht, über den man sich erzürnt. Jene Frau sah, daß der Mörderkopf von der Sonne beschienen wurde und es also auch noch wert war. Sie erhob ihn von der Strafe des Schaffots in die Sonnengnade Gottes, brachte nicht durch ihre Veilchen und ihre empfindsame Eitelkeit die Versöhnung zustande, sondern sah in der höheren Sonne ihn zu Gnaden aufgenommen.
Alte, ihre Eier sind faul, sagt die Einkäuferin zur Hökersfrau. Was, entgegnet diese, meine Eier faul? Sie mag mir faul sein! Sie soll mir das von meinen Eiern sagen? Sie? Haben ihren Vater nicht die Läuse an der Landstraße aufgefressen, ist nicht ihre Mutter mit den Franzosen fortgelaufen und ihre Großmutter im Spital gestorben, - schaff sie sich für ihr Flitterhalstuch ein ganzes Hemd an; man weiß wohl, wo sie dies Halstuch und ihre Mützen her hat; wenn die Offiziere nicht wären, wär jetzt manche nicht so geputzt, und wenn die gnädigen Frauen mehr auf ihre Haushaltung sähen, säße manche im Stockhause, - flick sie sich nur die Löcher in den Strümpfen! - Kurz, sie läßt keinen guten Faden an ihr. Sie denkt abstrakt und subsumiert sie nach Halstuch, Mütze, Hemd usf. wie nach den Fingern und anderen Partien, auch nach [dem] Vater und der ganzen Sippschaft, ganz allein unter das Verbrechen, daß sie die Eier faul gefunden hat; alles an ihr ist durch und durch mit diesen faulen Eiern gefärbt, dahingegen jene Offiziere, von denen die Hökersfrau sprach - wenn anders, wie sehr zu zweifeln, etwas daran ist -, ganz andere Dinge an ihr zu sehen bekommen mögen.
Um von der Magd auf den Bedienten zu kommen, so ist kein Bedienter schlechter daran als bei einem Manne von wenigem Stande und wenigem Einkommen, und um so besser daran, je vornehmer sein Herr ist. Der gemeine Mensch denkt wieder abstrakter, er tut vornehm gegen den Bedienten und verhält sich zu diesem nur als zu einem Bedienten; an diesem einen Prädikate hält er fest. Am besten befindet sich der Bediente bei den Franzosen. Der vornehme Mann ist familiär mit dem Bedienten, der Franzose sogar gut Freund mit ihm; dieser führt, wenn sie allein sind, das große Wort, man sehe Diderots Jacques et son maître, der Herr tut nichts als Prisen-Tabak nehmen und nach der Uhr sehen und läßt den Bedienten in allem Übrigen gewähren. Der vornehme Mann weiß, daß der Bediente nicht nur Bedienter ist, sondern auch die Stadtneuigkeiten weiß, die Mädchen kennt, gute Anschläge im Kopfe hat; er fragt ihn darüber, und der Bediente darf sagen, was er über das weiß, worüber der Prinzipal frug. Beim französischen Herrn darf der Bediente nicht nur dies, sondern auch die Materie aufs Tapet bringen, seine Meinung haben und behaupten, und wenn der Herr etwas will, so geht es nicht mit Befehl, sondern er muß dem Bedienten zuerst seine Meinung einräsonieren und ihm ein gutes Wort darumgeben, daß seine Meinung die Oberhand behält.
Im Militär kommt derselbe Unterschied vor; beimpreußischen kann der Soldat geprügelt werden, er ist also eine Kanaille; denn was geprügelt zu werden das passive Recht hat, ist eine Kanaille. So gilt der gemeine Soldat demOffizier für dies Abstraktum eines prügelbaren Subjekts, mit dem ein Herr, der Uniform und Porte d'épée hat, sich abgeben muß, und das ist, um sich demTeufel zu ergeben.

1) Manuskript: Hegelnachlaß Stiftung preußischer Kulturbesitz. Erstdruck:
Werke Bd. XVII, 1835
2) Morgenblatt für gebildete Stände, erschien ab 1. 1. 1807; am 2. 1.
1807 wurde ein Preis für eine Satire ausgeschrieben, Einsendeschluß
1. 7. 1807.

Donnerstag, 22. November 2007

Dialog der Kulturen (diese Überschrift ist geklaut)

Ein Gespräch:
Junger Mann: "Ich war gestern bei Onkel Toms Hütte*" [*ein U-Bahnhof im äußersten Südwesten Berlins]
Junge Frau: "Was hast du denn da gemacht?"
Junger Mann: "Ich wollte mal sehen, wie's da ist."
Junge Frau (irritiert): "Du fährst wo hin, nur um zu sehen, wie es da ist??"
Junger Mann: "Ja. Wozu fährst du denn in Urlaub?"
Junge Frau (in übertriebenem und belustigtem Tonfall, als sei das von ihr Gesagte das Selbstverständlichste von der Welt und als verstünde sie nicht, wie man überhaupt diese Frage stellen könnte): "Äh, um zu entspannen!!?"
Junger Mann: "Ja, klar, aber ich meine, wozu fährst du in andere Länder?"
Junge Frau (im gleichen Tonfall): "Um zu entspannen!!? - Jedenfalls fahr ich bestimmt nicht wohin, nur um zu wissen, wie es dort ist. Wie soll es da schon sein - Sonne, Strand, Meer." Pause "Und wie ist es da so, bei Onkel Toms Hütte?"
Junger Mann (erzählt begeistert wie es da so ist): "Also die haben da echt so... [usw.]"

Sonntag, 29. April 2007

Empfehlung des Hauses

Wenn man schon so'n dolles Blog hat, kann man das ja auch mal nutzen, um persönliche Empfehlungen in die Welt zu verbreiten (also genauer gesagt, an die geschätzten 3 Leser dieses Blog, die aber eine solche Empfehlung auf jeden Fall verdient haben).
Ich möchte jetzt mal Werbung für dieses Produkt hier machen:

Das im Vordergrund zu sehende "Jungsheft" existiert in der vierten Ausgabe (die ersten zwei sind allerdings unter anderen Namen erschienen, "Lecker" und "Glück", die dann jeweils aufgrund von Copyright-Problemen geändert werden mussten - im Fall von "Lecker" gab es eine Kochzeitschrift gleichen Namens.) Es wird von zwei Rock-Girls fabriziert und bietet Porno für Mädchen - ein durch und durch sympathischer Anspruch.
Jedenfalls darin zu sehen sind (nette) Jungs von nebenan, nackig und mit Erektion. Das ist ganz spaßig anzusehen. Die Texte dazu kann man sich allerdings weitgehend sparen - obwohl, diesmal gibt's eine Huldigung an Jarvis Cocker, das ist ein würdiges Thema.
Jetzt neu gibt's das ganze auch in umgekehrt, also nackte Mädels für Jungs. Allerdings sind die Girls nicht ganz so freizügig photographiert wie die Jungs im Jungsheft (keine Erektionen).
Aber das beste ist ja: jeder kann zur Verbesserung der Hefte beitragen, indem er sich selbst als Model bewirbt! Das werd ich dann demnächst auch mal machen (das war jetzt der Eigenwerbungsteil).

Samstag, 24. März 2007

Koteletten. Betrachtungen über eine Form der Selbsterniedrigung der menschlichen Spezies (bzw. ihres männlichen Teils)

Koteletten - hässlicher Auswuchs eines reaktionären Männlichkeitswahns oder abstoßendes Teufelswerk, das mit gesetzlichen Maßnahmen unterdrückt werden muss? Es ist schwierig, in dieser Frage eindeutig Stellung zu beziehen. Fest steht, dass Koteletten wesentlich dazu dienen, die Öffentlichkeit noch ekliger aussehen zu lassen als ohnehin schon. Der einzige legitime Grund, mit einem Kotelettenträger Sex zu haben, besteht darin, ihm heimlich im Schlaf seine scheiß Koteletten abzurasieren. Alles andere wäre zutiefst unmoralisch und gender-politisch fatal. Aber das ist natürlich nur meine persönliche Meinung, und eine objektive Tatsache. Wer es trotzdem anders sehen will, kann gerne Unrecht haben. Ganz bewusst verzichte ich auf eine Abbildung von Koteletten, denn dies ist ein seriöser blog, der nicht bloß über Missstände berichtet, damit die Leute sich an widerlichen Bildern von explodierende Passanten, geköpften Geißeln, Promis ohne Unterhosen oder eben Koteletten aufgeilen können.

Freilich gibt es Schlimmeres als Koteletten, etwa Backenbärte. Oder auch Schnauzbärte. Oder überhaupt Günter Grass, dessen Schnauzbärtigkeit ein tief verankerter CHARAKTERZUG ist, den keine Rasur der Welt beseitigen könnte. Abgesehen von der sogenannten Kopf-ab-Rasur, aber das ist wieder ein anderes Thema.

Rätselhaft bleibt, warum nicht einfach alle Leute T-Shirts tragen, auf denen steht: "Ich bin ein doofer Arsch und will auch so aussehen" - dann wäre das ein für allemal geritzt, man könnte sich dran gewöhnen und müsste nicht jede Saison an neuem Unfug verzweifeln.

Samstag, 20. Januar 2007

Blonde Guys

Das Schönste am Bloggen ist ja, neue Kategorien (sogenannte *Labels*) für Posts zu erfinden. Finde ich jedenfalls.
Deswegen bekommt ihr, verehrte Leser, jetzt von mir mal wieder eine neue Kategorie gewidmet - zum Amusement und zur Zerstreuung und damit ihr was lernt.

Sie heißt:


Und heute gibt es hier folgendes: nämlich ein Bild:




















(Da ihr ja literarisch gebildet seid, wisst ihr ja, dass man niemals Autor und lyrisches Ich miteinander identifizieren darf, denn das ist grundfalsch. Und außerdem: bin ich ja gar keine Frau (Das wisst ihr natürlich nicht. Aber ich.).)