Hier auf besonderen Wunsch von spit_Z als "Zitat der Woche" (haha) eine weniger prominente Stelle aus der "Phänomenologie des Geistes", in der Hegel verschiedene Aspekte des menschlichen Geistes mit verschiedenen Aspekten seines Schwanzes vergleicht:
"Das Tiefe, das der Geist von innen heraus, aber nur bis in sein vorstellendes Bewußtsein treibt und es in diesem stehen läßt - und die Unwissenheit dieses Bewußtseins, was das ist, was es sagt, ist dieselbe Verknüpfung des Hohen und Niedrigen, welche an dem Lebendigen die Natur in der Verknüpfung des Organs seiner höchsten Vollendung, des Organs der Zeugung, - und des Organs des Pissens naiv ausdrückt. - Das unendliche Urteil als unendliches wäre die Vollendung des sich selbst erfassenden Lebens, das in der Vorstellung bleibende Bewußtsein desselben aber verhält sich als Pissen."
G.W.F. Hegel: Phänomenologie des Geistes, Meiner Verlag, Hamburg 1988, S. 232/33
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Montag, 30. Juni 2008
Samstag, 17. Mai 2008
Früchte der Moralphilosophie
"Happiness, I suggest, is the positive feeling we experience on account of our horizontally and vertically nonfragmentary perception or judgment of our actual life as going the way the descriptive aspect of our conception of a good life for us specifies."
(Kurt Baier: The Rational and the Moral Order. The Social Roots of Reason and Morality, Chicago and La Salle, Illinois: Open Court 1995, S. 147.)
(Kurt Baier: The Rational and the Moral Order. The Social Roots of Reason and Morality, Chicago and La Salle, Illinois: Open Court 1995, S. 147.)
Mittwoch, 14. Mai 2008
Bitte gehen sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen.
Aus Mangel an sonstigen Ideen lasse ich euch mal an den Highlights meiner Schopenhauer-Lektüre teilhaben. Auch wenn das jetzt keine so großartigen Neuigkeiten sind, weil das bestimmt die meisten so ungefähr kennen - dennoch interessant, wo nicht albern oder sogar blöd, es im Originalwortlaut zu lesen:
Zuerst: gegen Hegel (das ist natürlich bei weitem nicht die einzige Stelle, aber dafür eine mit einem schönen Fremdwort):
Das schöne Fremdwort bedeutet laut Duden übrigens dies:
Ni|ai|se|rie ‹lat.-vulgärlat.-fr.› die; -, ...ien: (veraltet) Albernheit, Dummheit, Einfältigkeit
Schopenhauers Begründung, warum das Judentum ein ungeeigneter Gegenstand der Kunst ist:
Schopenhauer plaidiert für den Beinahe-Nudismus (für "sehr schöne" Menschen):
Und zuletzt, warum der Mensch eine opportunistische und verlogene Decksau ist und Bescheidenheit eine blöde Tugend:
(Zitiert nach: Artur Schopenhauers Werke in fünf Bänden. Nach den Ausgaben letzter Hand, hrsg. von Ludger Lütkehaus, Zürich: Haffmanns 1988)
Zuerst: gegen Hegel (das ist natürlich bei weitem nicht die einzige Stelle, aber dafür eine mit einem schönen Fremdwort):
"Jedoch die größte Frechheit im Auftischen baaren Unsinns, im Zusammenschmieren sinnleerer, rasender Wortgeflechte, wie man sie bis dahin nur in Tollhäusern vernommen hatte, trat endlich im Hegel auf und wurde das Werkzeug der plumpesten allgemeinen Mystifikation, die je gewesen, mit einem Erfolg, welcher der Nachwelt fabelhaft erscheinen und ein Denkmal Deutscher Niaiserie bleiben wird." (Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, Anhang, S.548.)
Das schöne Fremdwort bedeutet laut Duden übrigens dies:
Ni|ai|se|rie ‹lat.-vulgärlat.-fr.› die; -, ...ien: (veraltet) Albernheit, Dummheit, Einfältigkeit
Schopenhauers Begründung, warum das Judentum ein ungeeigneter Gegenstand der Kunst ist:
"Entschieden nachtheilig wirken historische Vorwürfe nur dann, wann sie den Maler auf ein willkürlich und nicht nach Kunstzwecken, sondern nach anderen gewähltes Feld beschränken, vollends aber wann dieses Feld an malerischen und bedeutenden Gegenständen arm ist, wenn es z.B. die Geschichte eines kleinen, abgesonderten, eigensinnigen, hierarchisch d.h. durch Wahn beherrschten, von den gleichzeitigen großen Völkern des Orients und Occidents verachteten Winkelvolks ist, wie die Juden." (Ibid., §48, S. 309 f.)
Schopenhauer plaidiert für den Beinahe-Nudismus (für "sehr schöne" Menschen):
"Nämlich, wie die schöne Körperform bei der leichtesten, oder bei gar keiner Bekleidung am vortheilhaftesten sichtbar ist, und daher ein sehr schöner Mensch, wenn er zugleich Geschmack hätte und auch demselben folgen dürfte, am liebsten beinahe nackt, nur nach Weise der Antiken bekleidet, gehen würde; - ebenso nun wird jeder schöne gedankenreiche Geist sich immer auf die natürlichste, unumwundenste, einfachste Weise ausdrücken, bestrebt, wenn es irgend möglich ist, seine Gedanken Andern mitzutheilen, um dadurch die Einsamkeit, die er in einer Welt wie diese empfinden muß, sich zu erleichtern [...]" (Ibid., §47, S. 306.)
- Was meint er überhaupt mit "nach Weise der Antiken"? Togen? Und das soll unter "beinahe nackt" fallen? - Da hat der Nudismus doch gewisse Forschritte gemacht seit Schopenhauer.
- Was meint er überhaupt mit "nach Weise der Antiken"? Togen? Und das soll unter "beinahe nackt" fallen? - Da hat der Nudismus doch gewisse Forschritte gemacht seit Schopenhauer.
Und zuletzt, warum der Mensch eine opportunistische und verlogene Decksau ist und Bescheidenheit eine blöde Tugend:
"Zwar lassen auch die Plattesten die anerkannt großen Werke auf Autorität gelten, um nämlich ihre eigene Schwäche nicht zu verrathen: doch bleiben sie im Stillen stets bereit, ihr Verdammungsurtheil darüber auszusprechen, sobald man sie hoffen läßt, daß sie es können, ohne sich bloß zu stellen, wo dann ihr lang verhaltener Haß gegen alles Große und Schöne, das sie nie ansprach und eben dadurch demüthigte, und gegen die Urheber desselben, sich freudig Luft macht. Denn überhaupt um fremden Werth willig und frei anzuerkennen und gelten zu lassen, muß man eigenen haben. Hierauf gründet sich die Nothwendigkeit der Bescheidenheit bei allem Verdienst, wie auch der unverhältnißmäßig laute Ruhm dieser Tugend, welche allein, aus allen ihren Schwestern, von Jedem der es wagt einen irgendwie ausgezeichneten Mann zu preisen, jedenmal seinem Lobe angehängt wird, um zu versöhnen und den Zorn der Werthlosigkeit zu stillen. Was ist denn die Bescheidenheit Anderes, als geheuchelte Demuth, mittelst welcher man, in einer von niederträchtigem Neide strotzenden Welt, für Vorzüge und Verdienste die Verzeihung Derer erbetteln will, die keine haben? Denn wer sich keine anmaaßt, weil er wirklich keine hat, ist nicht bescheiden, sondern nur ehrlich." (Ibid., §49, S. 312 f.)
(Zitiert nach: Artur Schopenhauers Werke in fünf Bänden. Nach den Ausgaben letzter Hand, hrsg. von Ludger Lütkehaus, Zürich: Haffmanns 1988)
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Dienstag, 12. Februar 2008
Hegel elitär für alle
Warum nicht mal wieder (nach ungefähr mehreren Monaten) ein "Zitat der Woche"! Schließlich soll die vermaledeite Hegel-Lektüre, mit der ich gerade beschäftigt bin, auch zu was gut sein. Wenn ich schon von der "Phänomenologie" nicht viel verstehe, dann dafür umso besser diese Stelle aus dem kurzen Aufsatz "Wer denkt abstrakt?" von 1807 - eine sehr treffende Darstellung, wie ich finde:
"Alte, ihre Eier sind faul, sagt die Einkäuferin zur Hökersfrau. Was, entgegnet diese, meine Eier faul? Sie mag mir faul sein! Sie soll mir das von meinen Eiern sagen? Sie? Haben ihren Vater nicht die Läuse an der Landstraße aufgefressen, ist nicht ihre Mutter mit den Franzosen fortgelaufen und ihre Großmutter im Spital gestorben, - schaff sie sich für ihr Flitterhalstuch ein ganzes Hemd an; man weiß wohl, wo sie dies Halstuch und ihre Mützen her hat; wenn die Offiziere nicht wären, wär jetzt manche nicht so geputzt, und wenn die gnädigen Frauen mehr auf ihre Haushaltung sähen, säße manche im Stockhause, - flick sie sich nur die Löcher in den Strümpfen! - Kurz, sie läßt keinen guten Faden an ihr. Sie denkt abstrakt und subsumiert sie nach Halstuch, Mütze, Hemd usf. wie nach den Fingern und anderen Partien, auch nach [dem] Vater und der ganzen Sippschaft, ganz allein unter das Verbrechen, daß sie die Eier faul gefunden hat; alles an ihr ist durch und durch mit diesen faulen Eiern gefärbt, dahingegen jene Offiziere, von denen die Hökersfrau sprach - wenn anders, wie sehr zu zweifeln, etwas daran ist -, ganz andere Dinge an ihr zu sehen bekommen mögen."
Das Aufsatz ist wirklich sehr kurz, den könnte ja jeder mal schnell lesen, falls er Lust hat. Weil er so kurz ist, zitiere ich einfach den ganzen Aufsatz hier mal (das ist bestimmt total illegal) - als Service an der philosophischen Bildung des Lesers:
"Alte, ihre Eier sind faul, sagt die Einkäuferin zur Hökersfrau. Was, entgegnet diese, meine Eier faul? Sie mag mir faul sein! Sie soll mir das von meinen Eiern sagen? Sie? Haben ihren Vater nicht die Läuse an der Landstraße aufgefressen, ist nicht ihre Mutter mit den Franzosen fortgelaufen und ihre Großmutter im Spital gestorben, - schaff sie sich für ihr Flitterhalstuch ein ganzes Hemd an; man weiß wohl, wo sie dies Halstuch und ihre Mützen her hat; wenn die Offiziere nicht wären, wär jetzt manche nicht so geputzt, und wenn die gnädigen Frauen mehr auf ihre Haushaltung sähen, säße manche im Stockhause, - flick sie sich nur die Löcher in den Strümpfen! - Kurz, sie läßt keinen guten Faden an ihr. Sie denkt abstrakt und subsumiert sie nach Halstuch, Mütze, Hemd usf. wie nach den Fingern und anderen Partien, auch nach [dem] Vater und der ganzen Sippschaft, ganz allein unter das Verbrechen, daß sie die Eier faul gefunden hat; alles an ihr ist durch und durch mit diesen faulen Eiern gefärbt, dahingegen jene Offiziere, von denen die Hökersfrau sprach - wenn anders, wie sehr zu zweifeln, etwas daran ist -, ganz andere Dinge an ihr zu sehen bekommen mögen."
Das Aufsatz ist wirklich sehr kurz, den könnte ja jeder mal schnell lesen, falls er Lust hat. Weil er so kurz ist, zitiere ich einfach den ganzen Aufsatz hier mal (das ist bestimmt total illegal) - als Service an der philosophischen Bildung des Lesers:
WER DENKT ABSTRAKT?1)
[1807]
Denken? Abstrakt? - Sauve qui peut! Rette sich, wer kann! So höre ich schon einen vom Feinde erkauften Verräter ausrufen, der diesen Aufsatz dafür ausschreit, daß hier von Metaphysik die Rede sein werde. Denn
Metaphysik ist das Wort, wie abstrakt und beinahe auch Denken, ist das Wort, vor dem jeder mehr oder minder wie vor einem mit der Pest Behafteten davonläuft.
Es ist aber nicht so bös gemeint, daß, was denken und was abstrakt sei, hier erklärt werden sollte. Der schönen Welt ist nichts so unerträglich als das Erklären. Mir selbst ist es schrecklich genug, wenn einer zu erklären anfängt, denn zur Not verstehe ich alles selbst. Hier zeigte sich die Erklärung des Denkens und des Abstrakten ohnehin schon als völlig überflüssig; denn gerade nur, weil die schöne Welt schon weiß, was das Abstrakte ist, flieht sie davor. Wie man das nicht begehrt, was man nicht kennt, so kann man es auch nicht hassen.
Auch wird es nicht darauf angelegt, hinterlistigerweise die schöne Welt mit dem Denken oder dem Abstrakten versöhnen zu wollen; etwa daß unter dem Scheine einer leichten Konversation das Denken und das Abstrakte eingeschwärzt werden sollte, so daß es unbekannterweise, und ohne eben einen Abscheu erweckt zu haben, sich in die Gesellschaft eingeschlichen [hätte] und gar von der Gesellschaft selbst unmerklich hereingezogen oder, wie die Schwaben sich ausdrücken, hereingezäunselt worden wäre und nun der Autor dieser Verwicklung diesen sonst fremden Gast, nämlich das Abstrakte, aufdeckte, den die ganze Gesellschaft unter einem anderen Titel als einen guten Bekannten behandelt und anerkannt hätte. Solche Erkennungsszenen, wodurch die Welt wider Willen belehrt werden soll, haben den nicht zu entschuldigenden Fehler an sich, daß sie zugleich beschämen und der Machinist sich einen kleinen Ruhm erkünsteln wollte, so daß jene Beschämung und diese Eitelkeit die Wirkung aufheben, denn sie stoßen eine um diesen Preis erkaufte Belehrung vielmehr wieder hinweg.
Ohnehin wäre die Anlegung eines solchen Planes schon verdorben; denn zu seiner Ausführung wird erfordert, daß das Wort des Rätsels nicht zum voraus ausgesprochen sei. Dies ist aber durch die Aufschrift schon geschehen; in dieser, wenn dieser Aufsatz mit solcher Hinterlist umginge, hätten die Worte nicht gleich von Anfang auftreten dürfen, sondern, wie der Minister in der Komödie, das ganze Spiel hindurch im Überrocke herumgehen und erst in der letzten Szene ihn aufknöpfen und den Stern der Weisheit herausblitzen lassen müssen. Die Aufknöpfung eines metaphysischen Überrocks nähme sich hier nicht einmal so gut aus wie die Aufknöpfung des ministeriellen, denn was jene an den Tag brächte, wäre weiter nichts als ein paar Worte; denn das Beste vom Spaße sollte ja eigentlich darin liegen, daß es sich zeigte, daß die Gesellschaft längst im Besitze der Sache selbst war; sie gewänne also am Ende nur den Namen, dahingegen der Stern des Ministers etwas Reelleres, einen Beutel mit Geld, bedeutet.
Was Denken, was abstrakt ist - daß dies jeder Anwesende wisse, wird in guter Gesellschaft vorausgesetzt, und in solcher befinden wir uns. Die Frage ist allein danach, wer es sei, der abstrakt denke. Die Absicht ist, wie schon erinnert, nicht die, sie mit diesen Dingen zu versöhnen, ihr zuzumuten, sich mit etwas Schwerem abzugeben, ihr ins Gewissen darüber zu reden, daß sie leichtsinnigerweise so etwas vernachlässige, was für ein mit der Vernunft begabtes Wesen rang- und standesgemäß sei. Vielmehr ist die Absicht, die schöne Welt mit sich selbst darüber zu versöhnen, wenn sie sich anders eben nicht ein Gewissen über diese Vernachlässigung macht, aber doch vor dem abstrakten Denken als vor etwas Hohem einen gewissen Respekt wenigstens innerlich hat und davon wegsieht, nicht weil es ihr zu gering, sondern weil es ihr zu hoch, nicht weil es zu gemein, sondern zu vornehm, oder umgekehrt, weil es ihr eine Espèce, etwas Besonderes zu sein scheint, etwas, wodurch man nicht in der allgemeinen Gesellschaft sich auszeichnet, wie durch einen neuen Putz, sondern wodurch man sich vielmehr, wie durch ärmliche Kleidung oder auch durch reiche, wenn sie auch aus alt gefaßten Edelsteinen oder einer noch so reichen Stickerei besteht, die aber längst chinesisch geworden ist, von der Gesellschaft ausschließt oder sich darin lächerlich macht.
Wer denkt abstrakt? Der ungebildete Mensch, nicht der gebildete. Die gute Gesellschaft denkt darum nicht abstrakt, weil es zu leicht ist, weil es zu niedrig ist, niedrig nicht dem äußeren Stande nach, nicht aus einem leeren Vornehmtun, das sich über das wegzusetzen stellt, was es nicht vermag, sondern wegen der inneren Geringheit der Sache.
Das Vorurteil und die Achtung für das abstrakte Denken ist so groß, daß feine Nasen hier eine Satire oder Ironie zum voraus wittern werden; allein, da sie Leser des Morgenblattes2) sind, wissen sie, daß auf eine Satire ein Preis gesetzt ist und daß ich also ihn lieber zu verdienen glauben und darum konkurrieren als hier schon ohne weiteres meine Sachen hergeben würde.
Ich brauche für meinen Satz nur Beispiele anzuführen, von denen jedermann zugestehen wird, daß sie ihn enthalten. Es wird also ein Mörder zur Richtstätte geführt. Dem gemeinen Volke ist er nichts weiter als ein Mörder. Damen machen vielleicht die Bemerkung, daß er ein kräftiger, schöner, interessanter Mann ist. Jenes Volk findet die Bemerkung entsetzlich: was, ein Mörder schön? wie kann [man] so schlecht denkend sein und einen Mörder schön nennen; ihr seid auch wohl etwas nicht viel Besseres! Dies ist die Sittenverderbnis, die unter den vornehmen Leuten herrscht, setzt vielleicht der Priester hinzu, der den Grund der Dinge und die Herzen kennt.
Ein Menschenkenner sucht den Gang auf, den die Bildung des Verbrechers genommen, findet in seiner Geschichte schlechte Erziehung, schlechte Familienverhältnisse des Vaters und der Mutter, irgendeine ungeheure Härte bei einem leichteren Vergehen dieses Menschen, die ihn gegen die bürgerliche Ordnung erbitterte, eine erste Rückwirkung dagegen, die ihn daraus vertrieb und es ihm jetzt nur durch Verbrechen sich noch zu erhalten möglich machte. - Es kann wohl Leute geben, die, wenn sie solches hören, sagen werden: der will diesen Mörder entschuldigen! Erinnere ich mich doch, in meiner Jugend einen Bürgermeister klagen gehört [zu haben], daß es die Bücherschreiber zu weit treiben und Christentum und Rechtschaffenheit ganz auszurotten suchen; es habe einer eine Verteidigung des Selbstmordes geschrieben; schrecklich, gar zu schrecklich! - Es ergab sich aus weiterer Nachfrage, daß Werthers Leiden verstanden waren.
Dies heißt abstrakt gedacht, in dem Mörder nichts als dies Abstrakte, daß er ein Mörder ist, zu sehen und durch diese einfache Qualität alles übrige menschliche Wesen an ihm [zu] vertilgen. Ganz anders eine feine, empfindsame Leipziger Welt. Sie bestreute und beband das Rad und den Verbrecher, der darauf geflochten war, mit Blumenkränzen. - Dies ist aber wieder die entgegengesetzte Abstraktion. Die Christen mögen wohl Rosenkreuzerei oder vielmehr Kreuzroserei treiben, das Kreuz mit Rosen umwinden. Das Kreuz ist der längst geheiligte Galgen und Rad. Es hat seine einseitige Bedeutung, das Werkzeug entehrender Strafe zu sein, verloren und kennt im Gegenteil die Vorstellung des höchsten Schmerzes und der tiefsten Verwerfung, zusammen mit der freudigsten Wonne und göttlicher Ehre. Hingegen das Leipziger [Kreuz], mit Veilchen und Klatschrosen eingebunden, ist eine Kotzebuesche Versöhnung, eine Art liederlicher Verträglichkeit der Empfindsamkeit mit dem Schlechten.
Ganz anders hörte ich einst eine gemeine alte Frau, ein Spitalweib, die Abstraktion des Mörders töten und ihn zur Ehre lebendig machen. Das abgeschlagene Haupt war aufs Schaffot gelegt, und es war Sonnenschein; wie doch so schön, sagte sie, Gottes Gnadensonne Binders Haupt beglänzt! - Du bist nicht wert, daß dich die Sonne bescheint, sagt man zu einem Wicht, über den man sich erzürnt. Jene Frau sah, daß der Mörderkopf von der Sonne beschienen wurde und es also auch noch wert war. Sie erhob ihn von der Strafe des Schaffots in die Sonnengnade Gottes, brachte nicht durch ihre Veilchen und ihre empfindsame Eitelkeit die Versöhnung zustande, sondern sah in der höheren Sonne ihn zu Gnaden aufgenommen.
Alte, ihre Eier sind faul, sagt die Einkäuferin zur Hökersfrau. Was, entgegnet diese, meine Eier faul? Sie mag mir faul sein! Sie soll mir das von meinen Eiern sagen? Sie? Haben ihren Vater nicht die Läuse an der Landstraße aufgefressen, ist nicht ihre Mutter mit den Franzosen fortgelaufen und ihre Großmutter im Spital gestorben, - schaff sie sich für ihr Flitterhalstuch ein ganzes Hemd an; man weiß wohl, wo sie dies Halstuch und ihre Mützen her hat; wenn die Offiziere nicht wären, wär jetzt manche nicht so geputzt, und wenn die gnädigen Frauen mehr auf ihre Haushaltung sähen, säße manche im Stockhause, - flick sie sich nur die Löcher in den Strümpfen! - Kurz, sie läßt keinen guten Faden an ihr. Sie denkt abstrakt und subsumiert sie nach Halstuch, Mütze, Hemd usf. wie nach den Fingern und anderen Partien, auch nach [dem] Vater und der ganzen Sippschaft, ganz allein unter das Verbrechen, daß sie die Eier faul gefunden hat; alles an ihr ist durch und durch mit diesen faulen Eiern gefärbt, dahingegen jene Offiziere, von denen die Hökersfrau sprach - wenn anders, wie sehr zu zweifeln, etwas daran ist -, ganz andere Dinge an ihr zu sehen bekommen mögen.
Um von der Magd auf den Bedienten zu kommen, so ist kein Bedienter schlechter daran als bei einem Manne von wenigem Stande und wenigem Einkommen, und um so besser daran, je vornehmer sein Herr ist. Der gemeine Mensch denkt wieder abstrakter, er tut vornehm gegen den Bedienten und verhält sich zu diesem nur als zu einem Bedienten; an diesem einen Prädikate hält er fest. Am besten befindet sich der Bediente bei den Franzosen. Der vornehme Mann ist familiär mit dem Bedienten, der Franzose sogar gut Freund mit ihm; dieser führt, wenn sie allein sind, das große Wort, man sehe Diderots Jacques et son maître, der Herr tut nichts als Prisen-Tabak nehmen und nach der Uhr sehen und läßt den Bedienten in allem Übrigen gewähren. Der vornehme Mann weiß, daß der Bediente nicht nur Bedienter ist, sondern auch die Stadtneuigkeiten weiß, die Mädchen kennt, gute Anschläge im Kopfe hat; er fragt ihn darüber, und der Bediente darf sagen, was er über das weiß, worüber der Prinzipal frug. Beim französischen Herrn darf der Bediente nicht nur dies, sondern auch die Materie aufs Tapet bringen, seine Meinung haben und behaupten, und wenn der Herr etwas will, so geht es nicht mit Befehl, sondern er muß dem Bedienten zuerst seine Meinung einräsonieren und ihm ein gutes Wort darumgeben, daß seine Meinung die Oberhand behält.
Im Militär kommt derselbe Unterschied vor; beimpreußischen kann der Soldat geprügelt werden, er ist also eine Kanaille; denn was geprügelt zu werden das passive Recht hat, ist eine Kanaille. So gilt der gemeine Soldat demOffizier für dies Abstraktum eines prügelbaren Subjekts, mit dem ein Herr, der Uniform und Porte d'épée hat, sich abgeben muß, und das ist, um sich demTeufel zu ergeben.
1) Manuskript: Hegelnachlaß Stiftung preußischer Kulturbesitz. Erstdruck:
Werke Bd. XVII, 1835
2) Morgenblatt für gebildete Stände, erschien ab 1. 1. 1807; am 2. 1.
1807 wurde ein Preis für eine Satire ausgeschrieben, Einsendeschluß
1. 7. 1807.
[1807]
Denken? Abstrakt? - Sauve qui peut! Rette sich, wer kann! So höre ich schon einen vom Feinde erkauften Verräter ausrufen, der diesen Aufsatz dafür ausschreit, daß hier von Metaphysik die Rede sein werde. Denn
Metaphysik ist das Wort, wie abstrakt und beinahe auch Denken, ist das Wort, vor dem jeder mehr oder minder wie vor einem mit der Pest Behafteten davonläuft.
Es ist aber nicht so bös gemeint, daß, was denken und was abstrakt sei, hier erklärt werden sollte. Der schönen Welt ist nichts so unerträglich als das Erklären. Mir selbst ist es schrecklich genug, wenn einer zu erklären anfängt, denn zur Not verstehe ich alles selbst. Hier zeigte sich die Erklärung des Denkens und des Abstrakten ohnehin schon als völlig überflüssig; denn gerade nur, weil die schöne Welt schon weiß, was das Abstrakte ist, flieht sie davor. Wie man das nicht begehrt, was man nicht kennt, so kann man es auch nicht hassen.
Auch wird es nicht darauf angelegt, hinterlistigerweise die schöne Welt mit dem Denken oder dem Abstrakten versöhnen zu wollen; etwa daß unter dem Scheine einer leichten Konversation das Denken und das Abstrakte eingeschwärzt werden sollte, so daß es unbekannterweise, und ohne eben einen Abscheu erweckt zu haben, sich in die Gesellschaft eingeschlichen [hätte] und gar von der Gesellschaft selbst unmerklich hereingezogen oder, wie die Schwaben sich ausdrücken, hereingezäunselt worden wäre und nun der Autor dieser Verwicklung diesen sonst fremden Gast, nämlich das Abstrakte, aufdeckte, den die ganze Gesellschaft unter einem anderen Titel als einen guten Bekannten behandelt und anerkannt hätte. Solche Erkennungsszenen, wodurch die Welt wider Willen belehrt werden soll, haben den nicht zu entschuldigenden Fehler an sich, daß sie zugleich beschämen und der Machinist sich einen kleinen Ruhm erkünsteln wollte, so daß jene Beschämung und diese Eitelkeit die Wirkung aufheben, denn sie stoßen eine um diesen Preis erkaufte Belehrung vielmehr wieder hinweg.
Ohnehin wäre die Anlegung eines solchen Planes schon verdorben; denn zu seiner Ausführung wird erfordert, daß das Wort des Rätsels nicht zum voraus ausgesprochen sei. Dies ist aber durch die Aufschrift schon geschehen; in dieser, wenn dieser Aufsatz mit solcher Hinterlist umginge, hätten die Worte nicht gleich von Anfang auftreten dürfen, sondern, wie der Minister in der Komödie, das ganze Spiel hindurch im Überrocke herumgehen und erst in der letzten Szene ihn aufknöpfen und den Stern der Weisheit herausblitzen lassen müssen. Die Aufknöpfung eines metaphysischen Überrocks nähme sich hier nicht einmal so gut aus wie die Aufknöpfung des ministeriellen, denn was jene an den Tag brächte, wäre weiter nichts als ein paar Worte; denn das Beste vom Spaße sollte ja eigentlich darin liegen, daß es sich zeigte, daß die Gesellschaft längst im Besitze der Sache selbst war; sie gewänne also am Ende nur den Namen, dahingegen der Stern des Ministers etwas Reelleres, einen Beutel mit Geld, bedeutet.
Was Denken, was abstrakt ist - daß dies jeder Anwesende wisse, wird in guter Gesellschaft vorausgesetzt, und in solcher befinden wir uns. Die Frage ist allein danach, wer es sei, der abstrakt denke. Die Absicht ist, wie schon erinnert, nicht die, sie mit diesen Dingen zu versöhnen, ihr zuzumuten, sich mit etwas Schwerem abzugeben, ihr ins Gewissen darüber zu reden, daß sie leichtsinnigerweise so etwas vernachlässige, was für ein mit der Vernunft begabtes Wesen rang- und standesgemäß sei. Vielmehr ist die Absicht, die schöne Welt mit sich selbst darüber zu versöhnen, wenn sie sich anders eben nicht ein Gewissen über diese Vernachlässigung macht, aber doch vor dem abstrakten Denken als vor etwas Hohem einen gewissen Respekt wenigstens innerlich hat und davon wegsieht, nicht weil es ihr zu gering, sondern weil es ihr zu hoch, nicht weil es zu gemein, sondern zu vornehm, oder umgekehrt, weil es ihr eine Espèce, etwas Besonderes zu sein scheint, etwas, wodurch man nicht in der allgemeinen Gesellschaft sich auszeichnet, wie durch einen neuen Putz, sondern wodurch man sich vielmehr, wie durch ärmliche Kleidung oder auch durch reiche, wenn sie auch aus alt gefaßten Edelsteinen oder einer noch so reichen Stickerei besteht, die aber längst chinesisch geworden ist, von der Gesellschaft ausschließt oder sich darin lächerlich macht.
Wer denkt abstrakt? Der ungebildete Mensch, nicht der gebildete. Die gute Gesellschaft denkt darum nicht abstrakt, weil es zu leicht ist, weil es zu niedrig ist, niedrig nicht dem äußeren Stande nach, nicht aus einem leeren Vornehmtun, das sich über das wegzusetzen stellt, was es nicht vermag, sondern wegen der inneren Geringheit der Sache.
Das Vorurteil und die Achtung für das abstrakte Denken ist so groß, daß feine Nasen hier eine Satire oder Ironie zum voraus wittern werden; allein, da sie Leser des Morgenblattes2) sind, wissen sie, daß auf eine Satire ein Preis gesetzt ist und daß ich also ihn lieber zu verdienen glauben und darum konkurrieren als hier schon ohne weiteres meine Sachen hergeben würde.
Ich brauche für meinen Satz nur Beispiele anzuführen, von denen jedermann zugestehen wird, daß sie ihn enthalten. Es wird also ein Mörder zur Richtstätte geführt. Dem gemeinen Volke ist er nichts weiter als ein Mörder. Damen machen vielleicht die Bemerkung, daß er ein kräftiger, schöner, interessanter Mann ist. Jenes Volk findet die Bemerkung entsetzlich: was, ein Mörder schön? wie kann [man] so schlecht denkend sein und einen Mörder schön nennen; ihr seid auch wohl etwas nicht viel Besseres! Dies ist die Sittenverderbnis, die unter den vornehmen Leuten herrscht, setzt vielleicht der Priester hinzu, der den Grund der Dinge und die Herzen kennt.
Ein Menschenkenner sucht den Gang auf, den die Bildung des Verbrechers genommen, findet in seiner Geschichte schlechte Erziehung, schlechte Familienverhältnisse des Vaters und der Mutter, irgendeine ungeheure Härte bei einem leichteren Vergehen dieses Menschen, die ihn gegen die bürgerliche Ordnung erbitterte, eine erste Rückwirkung dagegen, die ihn daraus vertrieb und es ihm jetzt nur durch Verbrechen sich noch zu erhalten möglich machte. - Es kann wohl Leute geben, die, wenn sie solches hören, sagen werden: der will diesen Mörder entschuldigen! Erinnere ich mich doch, in meiner Jugend einen Bürgermeister klagen gehört [zu haben], daß es die Bücherschreiber zu weit treiben und Christentum und Rechtschaffenheit ganz auszurotten suchen; es habe einer eine Verteidigung des Selbstmordes geschrieben; schrecklich, gar zu schrecklich! - Es ergab sich aus weiterer Nachfrage, daß Werthers Leiden verstanden waren.
Dies heißt abstrakt gedacht, in dem Mörder nichts als dies Abstrakte, daß er ein Mörder ist, zu sehen und durch diese einfache Qualität alles übrige menschliche Wesen an ihm [zu] vertilgen. Ganz anders eine feine, empfindsame Leipziger Welt. Sie bestreute und beband das Rad und den Verbrecher, der darauf geflochten war, mit Blumenkränzen. - Dies ist aber wieder die entgegengesetzte Abstraktion. Die Christen mögen wohl Rosenkreuzerei oder vielmehr Kreuzroserei treiben, das Kreuz mit Rosen umwinden. Das Kreuz ist der längst geheiligte Galgen und Rad. Es hat seine einseitige Bedeutung, das Werkzeug entehrender Strafe zu sein, verloren und kennt im Gegenteil die Vorstellung des höchsten Schmerzes und der tiefsten Verwerfung, zusammen mit der freudigsten Wonne und göttlicher Ehre. Hingegen das Leipziger [Kreuz], mit Veilchen und Klatschrosen eingebunden, ist eine Kotzebuesche Versöhnung, eine Art liederlicher Verträglichkeit der Empfindsamkeit mit dem Schlechten.
Ganz anders hörte ich einst eine gemeine alte Frau, ein Spitalweib, die Abstraktion des Mörders töten und ihn zur Ehre lebendig machen. Das abgeschlagene Haupt war aufs Schaffot gelegt, und es war Sonnenschein; wie doch so schön, sagte sie, Gottes Gnadensonne Binders Haupt beglänzt! - Du bist nicht wert, daß dich die Sonne bescheint, sagt man zu einem Wicht, über den man sich erzürnt. Jene Frau sah, daß der Mörderkopf von der Sonne beschienen wurde und es also auch noch wert war. Sie erhob ihn von der Strafe des Schaffots in die Sonnengnade Gottes, brachte nicht durch ihre Veilchen und ihre empfindsame Eitelkeit die Versöhnung zustande, sondern sah in der höheren Sonne ihn zu Gnaden aufgenommen.
Alte, ihre Eier sind faul, sagt die Einkäuferin zur Hökersfrau. Was, entgegnet diese, meine Eier faul? Sie mag mir faul sein! Sie soll mir das von meinen Eiern sagen? Sie? Haben ihren Vater nicht die Läuse an der Landstraße aufgefressen, ist nicht ihre Mutter mit den Franzosen fortgelaufen und ihre Großmutter im Spital gestorben, - schaff sie sich für ihr Flitterhalstuch ein ganzes Hemd an; man weiß wohl, wo sie dies Halstuch und ihre Mützen her hat; wenn die Offiziere nicht wären, wär jetzt manche nicht so geputzt, und wenn die gnädigen Frauen mehr auf ihre Haushaltung sähen, säße manche im Stockhause, - flick sie sich nur die Löcher in den Strümpfen! - Kurz, sie läßt keinen guten Faden an ihr. Sie denkt abstrakt und subsumiert sie nach Halstuch, Mütze, Hemd usf. wie nach den Fingern und anderen Partien, auch nach [dem] Vater und der ganzen Sippschaft, ganz allein unter das Verbrechen, daß sie die Eier faul gefunden hat; alles an ihr ist durch und durch mit diesen faulen Eiern gefärbt, dahingegen jene Offiziere, von denen die Hökersfrau sprach - wenn anders, wie sehr zu zweifeln, etwas daran ist -, ganz andere Dinge an ihr zu sehen bekommen mögen.
Um von der Magd auf den Bedienten zu kommen, so ist kein Bedienter schlechter daran als bei einem Manne von wenigem Stande und wenigem Einkommen, und um so besser daran, je vornehmer sein Herr ist. Der gemeine Mensch denkt wieder abstrakter, er tut vornehm gegen den Bedienten und verhält sich zu diesem nur als zu einem Bedienten; an diesem einen Prädikate hält er fest. Am besten befindet sich der Bediente bei den Franzosen. Der vornehme Mann ist familiär mit dem Bedienten, der Franzose sogar gut Freund mit ihm; dieser führt, wenn sie allein sind, das große Wort, man sehe Diderots Jacques et son maître, der Herr tut nichts als Prisen-Tabak nehmen und nach der Uhr sehen und läßt den Bedienten in allem Übrigen gewähren. Der vornehme Mann weiß, daß der Bediente nicht nur Bedienter ist, sondern auch die Stadtneuigkeiten weiß, die Mädchen kennt, gute Anschläge im Kopfe hat; er fragt ihn darüber, und der Bediente darf sagen, was er über das weiß, worüber der Prinzipal frug. Beim französischen Herrn darf der Bediente nicht nur dies, sondern auch die Materie aufs Tapet bringen, seine Meinung haben und behaupten, und wenn der Herr etwas will, so geht es nicht mit Befehl, sondern er muß dem Bedienten zuerst seine Meinung einräsonieren und ihm ein gutes Wort darumgeben, daß seine Meinung die Oberhand behält.
Im Militär kommt derselbe Unterschied vor; beimpreußischen kann der Soldat geprügelt werden, er ist also eine Kanaille; denn was geprügelt zu werden das passive Recht hat, ist eine Kanaille. So gilt der gemeine Soldat demOffizier für dies Abstraktum eines prügelbaren Subjekts, mit dem ein Herr, der Uniform und Porte d'épée hat, sich abgeben muß, und das ist, um sich demTeufel zu ergeben.
1) Manuskript: Hegelnachlaß Stiftung preußischer Kulturbesitz. Erstdruck:
Werke Bd. XVII, 1835
2) Morgenblatt für gebildete Stände, erschien ab 1. 1. 1807; am 2. 1.
1807 wurde ein Preis für eine Satire ausgeschrieben, Einsendeschluß
1. 7. 1807.
Montag, 8. Oktober 2007
Der Philosoph hat immer Recht
"... Jeder beurteilt die Dinge gut, die er kennt, und ist darin ein guter Beurteiler. Gut über einen bestimmten Gegenstand urteilt, wer darin ausgebildet ist, und gut überhaupt, wer in allem ausgebildet ist.
Aus diesem Grund sind junge Menschen keine geeigneten Hörer der politischen Wissenschaft. Denn sie sind unerfahren in den Handlungen, in denen das Leben besteht; diese aber bilden gerade den Gegenstand und Ausgangspunkt der Untersuchung. Ferner wird für sie, die dazu neigen, ihren Affekten zu folgen, das Zuhören vergeblich und nutzlos sein; denn Ziel der politischen Untersuchung ist ja nicht das Erkennen, sondern das Handeln. Dabei ist es gleichgültig, ob sie jung an Jahren oder unreif im Charakter sind; ihre Unzulänglichkeit hängt nicht von der Zeit ab, sondern ergibt sich daraus, dass sie vom Affekt geleitet leben und auf diese Weise ihre jeweiligen Ziele verfolgen. Solchen Menschen bringt das Erkennen keinen Nutzen - ebenso wenig wie den Unbeherrschten. Hingegen wird für diejenigen, die ihre Strebungen nach der Vernunft gestalten und entsprechend handeln, das Wissen über diese Dinge von vielfältigem Nutzen sein."
(Aristoteles, Nikomachische Ethik I, 1, 1094b-1095a, Übersetzung: Ursula Wolf.)
Aus diesem Grund sind junge Menschen keine geeigneten Hörer der politischen Wissenschaft. Denn sie sind unerfahren in den Handlungen, in denen das Leben besteht; diese aber bilden gerade den Gegenstand und Ausgangspunkt der Untersuchung. Ferner wird für sie, die dazu neigen, ihren Affekten zu folgen, das Zuhören vergeblich und nutzlos sein; denn Ziel der politischen Untersuchung ist ja nicht das Erkennen, sondern das Handeln. Dabei ist es gleichgültig, ob sie jung an Jahren oder unreif im Charakter sind; ihre Unzulänglichkeit hängt nicht von der Zeit ab, sondern ergibt sich daraus, dass sie vom Affekt geleitet leben und auf diese Weise ihre jeweiligen Ziele verfolgen. Solchen Menschen bringt das Erkennen keinen Nutzen - ebenso wenig wie den Unbeherrschten. Hingegen wird für diejenigen, die ihre Strebungen nach der Vernunft gestalten und entsprechend handeln, das Wissen über diese Dinge von vielfältigem Nutzen sein."
(Aristoteles, Nikomachische Ethik I, 1, 1094b-1095a, Übersetzung: Ursula Wolf.)
Dienstag, 2. Oktober 2007
Können Blumenbilder lügen?
Ach ja, mal wieder fängt ein neues Semester an, und ein Blick in die Vorlesungsverzeichnisse beweist erneut, dass eh alles zu spät ist.
Sowas wie politische Theorie ist ja in Politikwissenschaft schon lange out und wird eigentlich kaum noch gemacht (3! Hauptseminare). Dafür gibt es Veranstaltungen mit klingenden Namen wie: "Vergleichende Policy Analyse: Agenda Setting und Policy Framing", wo es um Politik aus so einer Art betriebswirtschaftlichen Perspektive geht, nehme ich an. Jedenfalls gehört jeder, der sowas freiwillig besucht, sofort auf die schwarze (naja, die Farbe ist eigentlich egal) Liste für nach der Revolution gesetzt.
Bei den Kulturwissenschaftlern ist eh schon Hopfen und Malz verloren ("Können Blumenbilder lügen?", "Geschlecht als Wissenskategorie"), da ist es ja nur recht, wenn jetzt unser insgeheimer Lieblingsfeind (ausgelöst durch diesen Artikel hier) Cord Riechelmann dort als Gastdozent auftritt ("Von Aristoteles’ Nachtigallen zum Ritornell", aber was sag ich...). - Bemerkenswert dabei, dass die Seite des Instituts für Ästhetik so hässlich ist...
Allerdings gibt es da auch ein Seminar mit dem Titel "Libertinismus im 18. Jahrhundert", das ich mir vermutlich nicht entgehen lassen werde. Schließlich will ich was für's Leben lernen!
In diesem Zusammenhang möchte ich noch eine kleine Empfehlung abgeben, für einen zwar schon 7 Jahre alten, dafür aber nicht sehr bekannten französischen Film: Le Libertin (dt. Titel: "Liebeslust und Freiheit") von Gabriel Aghion (der bestimmt viel besser ist als der gleichnamige mit Johnny Depp aus dem Jahr 2004). Hauptfigur ist Denis Diderot (Vincent Perez), der nackt auf dem Gut von Baron d'Holbach rumhüpft und sich einen Scheiß um Anstand und Konvention schert, solange es um sein eigenes Sexualleben geht, aber ganz neue Aspekte entdeckt, als seine adoleszente Tochter mit der Idee spielt, es ihm gleichzutun. Nebenbei wird im Keller unter der Kapelle heimlich der nächste Band der verbotenen Enzyclopädie gedruckt, was aber der vorbeischauende Kardinal selbstverständlich nicht merken darf.
(Interessant ist auch, dass es Bilder aus dem Film mit dem nackten Diderot nur auf einer russischen Kinoseite gibt... allerdings leider zu klein um sie zu verwenden...)
Und passend zum Thema noch ein Zitat der Woche, dann wäre ja erstmal das Gröbste an Versäumnissen der letzten Wochen aufgeholt...
"Wir müssen die Freiheit als seelischen Wert erst wieder begreifen und gewinnen lernen. ... Freiheit ist nicht Zügellosigkeit, Liberalismus nicht Libertinismus!"
Prof. Dr. Theodor Heuss, 1946
Sowas wie politische Theorie ist ja in Politikwissenschaft schon lange out und wird eigentlich kaum noch gemacht (3! Hauptseminare). Dafür gibt es Veranstaltungen mit klingenden Namen wie: "Vergleichende Policy Analyse: Agenda Setting und Policy Framing", wo es um Politik aus so einer Art betriebswirtschaftlichen Perspektive geht, nehme ich an. Jedenfalls gehört jeder, der sowas freiwillig besucht, sofort auf die schwarze (naja, die Farbe ist eigentlich egal) Liste für nach der Revolution gesetzt.
Bei den Kulturwissenschaftlern ist eh schon Hopfen und Malz verloren ("Können Blumenbilder lügen?", "Geschlecht als Wissenskategorie"), da ist es ja nur recht, wenn jetzt unser insgeheimer Lieblingsfeind (ausgelöst durch diesen Artikel hier) Cord Riechelmann dort als Gastdozent auftritt ("Von Aristoteles’ Nachtigallen zum Ritornell", aber was sag ich...). - Bemerkenswert dabei, dass die Seite des Instituts für Ästhetik so hässlich ist...
In diesem Zusammenhang möchte ich noch eine kleine Empfehlung abgeben, für einen zwar schon 7 Jahre alten, dafür aber nicht sehr bekannten französischen Film: Le Libertin (dt. Titel: "Liebeslust und Freiheit") von Gabriel Aghion (der bestimmt viel besser ist als der gleichnamige mit Johnny Depp aus dem Jahr 2004). Hauptfigur ist Denis Diderot (Vincent Perez), der nackt auf dem Gut von Baron d'Holbach rumhüpft und sich einen Scheiß um Anstand und Konvention schert, solange es um sein eigenes Sexualleben geht, aber ganz neue Aspekte entdeckt, als seine adoleszente Tochter mit der Idee spielt, es ihm gleichzutun. Nebenbei wird im Keller unter der Kapelle heimlich der nächste Band der verbotenen Enzyclopädie gedruckt, was aber der vorbeischauende Kardinal selbstverständlich nicht merken darf.
(Interessant ist auch, dass es Bilder aus dem Film mit dem nackten Diderot nur auf einer russischen Kinoseite gibt... allerdings leider zu klein um sie zu verwenden...)
Und passend zum Thema noch ein Zitat der Woche, dann wäre ja erstmal das Gröbste an Versäumnissen der letzten Wochen aufgeholt...
"Wir müssen die Freiheit als seelischen Wert erst wieder begreifen und gewinnen lernen. ... Freiheit ist nicht Zügellosigkeit, Liberalismus nicht Libertinismus!"
Prof. Dr. Theodor Heuss, 1946
Montag, 30. Juli 2007
"DER FEIND STEHT LINKS..."
"... Wie ihr vielleicht wißt, liebe Freunde, die ihr ja außer der LSD hier und da auch noch andere Sachen lest, gab es in Berkeley, Seattle, New York kleine Revolutionen und die in Berkeley, die im Bombenlegen, Fenstereinschmeißen, Wandbeschmieren bestand, habe ich aus nächster Nähe aus einem VW-Bus beobachtet und dabei selbst fast eine aufs Haupt bekommen. Also das genügte mir, und vor meinen zwei Klassen begann ich mit der Kritik. Erstens, indem ich auseinanderlegte, wie ein wirklicher Anarchist vorgehen würde. Auf einer Karte erklärte ich genau die Lage von Schaltwerken, gab auch an, wie man sie sprengen könnte (schließlich war ich im Krieg nicht umsonst Pionier), dann die Lage von Wasserwerken etc. etc. Zweitens taktische Bemerkungen, Ideologie etc. etc., sodaß sich ergab, wie dieses Unternehmen, von allen Gesichtspunkten aus betrachtet ungenügend, idiotisch, infantil sei. Der Feind ist links - und das nächstemal beginnt die Diskussion unter Teilnahme von SDS Bonzen."
(Paul Feyerabend, Brief an Hans Albert, Februar 1970, zitiert nach Paul Feyerabend, Hans Albert: Briefwechsel, hg. von Wilhelm Baum, Frankfurt am Main 1997, S. 164 f.)
LSD: "Logic of Scientific Discovery" von Karl Popper, deutscher Titel: "Logik der Forschung".
SDS: Students for a Democratic Society.
(Paul Feyerabend, Brief an Hans Albert, Februar 1970, zitiert nach Paul Feyerabend, Hans Albert: Briefwechsel, hg. von Wilhelm Baum, Frankfurt am Main 1997, S. 164 f.)
LSD: "Logic of Scientific Discovery" von Karl Popper, deutscher Titel: "Logik der Forschung".
SDS: Students for a Democratic Society.
Dienstag, 24. Juli 2007
Dieser Post kann Euch ca. 20.000 Seiten unnützer, qualvoller Lektüre ersparen!
"Habermas: schlimm, ganz schlimm"
Hans Albert, Brief an Paul Feyerabend vom 27. Oktober 1969
(Mehr zum Thema finden Sie hier.)
Hans Albert, Brief an Paul Feyerabend vom 27. Oktober 1969
(Mehr zum Thema finden Sie hier.)
Mittwoch, 4. Juli 2007
Männlichkeit authentisch leben lernen
Eigentlich ist heute ja der 1. Internationale Day des Denglish, ein Anlass, der mit einem thematisch passenden post zu würdigen wäre. Ich muss jetzt aber über etwas ganz anderes schreiben - etwas ausgesprochen Beunruhigendes. Es wird immer offensichtlicher, dass das Raumzeitkontinuum gestört ist und immer mehr Löcher aufweist. Die Gegenwart des beginnenden 21. Jahrhunderts wird in stets zunehmendem Maße infiltriert von hässlichen und übelriechenden Teilen der Vergangenheit.
Schon seit einigen Jahrzehnten bemerken wir dieses bedrohliche Phänomen in der Ökonomie. Unter dem euphemistischen Namen "Neoklassik" feiern gewisse Theorien ein zombieskes revival, über die schon Karl Marx Hohn und Spott ausschüttete, weil sie die Realität gar zu plump zugunsten einer offensichtlich von materiellen und politischen Interessen bestimmten Ideologie verdrehten.
In anderen Bereichen scheint ein immer größer werdendes Zeitloch in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts zu führen, eine Periode, die schon in ihrer ersten Auflage eine an die damalige Gegenwart nur geringfügig angepasste Kreuzung aus Biedermeier und Viktorianismus darstellte. Vor kurzem ist ein besonder frappierendes Dokument aus dem Zeitloch geplumpst. Der geneigte Leser und die geneigte Leserin schaue sich doch bitte einmal diese Meldung über die immense Wichtigkeit des "Vaters" an und lese sie aufmerksam und gründlich durch. Die folgenden Zitate stammen von dort.
"Männer sind für Jungs wichtig, damit sie lernen, ihre männliche Rolle in der Gesellschaft authentisch zu leben", erklärt Prof. Hartmut Kasten vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München.
Muss man dazu noch etwas sagen? Kann man dazu überhaupt noch etwas sagen? "Männliche Rolle in der Gesellschaft"??? Nehmen wir einmal zur Kenntnis, dass es sowas überhaupt noch gibt. Wie in drei Teufelsnamen käme aber ein vernünftiger Mensch auf die Idee, dass ein wichtiges Ziel der Kindererziehung darin bestehen könnte, Jungen in die Lage zu versetzen, diese "männliche Rolle" "authentisch zu leben"? Und wieso fühlt sich ein "Staatsinstitut für Frühpädagogik" berufen, so etwas zu propagieren, obwohl derartige sexistische Ideologien mit der im Grundgesetz festgeschriebenen Staatsdoktrin der Gleichberechtigung der Geschlechter offensichtlich unvereinbar sind? Wegen derartiger Äußerungen können heutzutage Anträge auf Einbürgerung abgelehnt werden!
Der nächste Absatz beginnt mit den Worten: "Schon Studien aus den dreißiger Jahren hätten gezeigt..." Hier stellte ich mir erstmals ernsthaft die Frage, ob ich vielleicht einer Persiflage auf den Leim gegangen sein könnte. Würde als nächstes auf Studien aus den frühen vierziger Jahren verwiesen werden, die eindeutig beweisen, dass die jüdische Rasse ein charakteristisches Nebeneinander von effeminierten Männern einerseits und Mannsweibern andererseits hervorzubringen prädisponiert ist, weswegen ihre Angehörigen als Erzieherinnen und Erzieher in Kindergärten und Schulen gänzlich ungeeignet seien?
Vaterlose Söhne zeigten mehr Gewalt. Erlebten die Jungs hingegen, dass der Vater auf die von ihnen gezeigten Aggressionen nicht in gleicher Weise, sondern liebevoll reagiert, sind sie gerührt, so Heinsohn. Sie sehen die beschützende Stärke. "Damit ist ein Hauptstück der männlichen Sozialisation geschafft."
Es war eben von Anfang an ein Fehler, uneheliche Kinder mit ehelichen rechtlich gleichzustellen! Jetzt haben wir den Salat: Die Gesellschaft versinkt in Jugendkriminalität, und schuld sind natürlich die 68er und ihre antimoralische Liberalisierung des Scheidungsrechts unter der sozialliberalen Koalition! Die damaligen Warner und Mahner haben Recht behalten mit ihrer Einschätzung, dass diese Kulturrevolution gegen die Grundfesten der Zivilisation gerichtet war! - Friedliche und wohlintegrierte junge Männer erzeugt man nur mit Hilfe eines Vaters, der seinen Sohn liebevoll tätscheln kann, nachdem dieser ein anderes Kind verprügelt hat. Denn dann erwerben die gerührten Jungen ein Verständnis von "beschützender Stärke", im Gegensatz zur beschützenden Schwäche, die sie bei der Mutter erfahren. Das versetzt sie späterhin auch in die Lage einzusehen, warum der Innenminister unbedingt Recht hat, wenn er die Befugnisse des Staates und seiner Sicherheitsorgane auf Kosten demokratischer Grundrechte ausweiten will. Denn nichts geht über ein mehr an beschützender Stärke! Damit wäre dann ein Hauptstück der Sozialisation, die es ja als solche eigentlich gar nicht geben sollte, sondern nur als "männliche" oder "weibliche" Sozialisation, geschafft.
Studien hätten gezeigt, dass Mütter stärker pflegerische, Väter hingegen spielerische Aktivitäten im Umgang mit ihren Kindern entfalten und beide sich in der Art des Spielens unterscheiden, erläutert Prof. Holger Brandes von der Evangelischen Hochschule für Sozialarbeit in Dresden. Mütter spielten sanfter, Väter rauer, und zwar sowohl mit Mädchen als auch mit Jungen. Außerdem sei deutlich geworden, dass Väter häufig herausfordernder sind als Mütter.
Dass dies so ist, beweist natürlich zweifelsfrei, dass es a) auch gut so ist, b) gar nicht anders sein kann, c) auf jeden Fall so bleiben sollte, sowie dass d) auch unbedingt etwas dafür getan werden muss, dass dies so bleibt, weil sonst unvermeidlich das Abendland untergeht. Man sollte z. B. Alleinerziehende in Zwangs-WGs mit Angehörigen des anderen Geschlechts stecken und homosexuelle Paare bloß keine Kinder in die Finger kriegen lassen. Frauen, die Hosen tragen, sollte man darüber aufklären, dass dies nicht nur ihre Gebärfähigkeit beeinträchtigt, sondern auch eine mangelnde Verbundenheit mit ihrer weiblichen Rolle in der Gesellschaft anzeigt. Als überzogen ist jedoch die Forderung anzusehen, behoste Frauen aus dem öffentlichen Dienst auszuschließen, da sie ein gegen den Bestand der Gesellschaft an und für sich gerichtetes Symbol gebrauchen.
Es erscheint mir nur recht und billig, das zuerst angeführte Zitat von Prof. Hartmut Kasten zum Zitat der Woche zu erklären. Herzlichen Glückwunsch, Herr Kasten! Bitte erklären Sie mir meine männliche Rolle in der Gesellschaft! Keinerlei Sinn hat, wie ich dank Ihnen erkenne, die kantische Frage: "Was soll ich tun?", wenn nicht zuvor das Geschlecht des oder der Fragenden geklärt ist!
Schon seit einigen Jahrzehnten bemerken wir dieses bedrohliche Phänomen in der Ökonomie. Unter dem euphemistischen Namen "Neoklassik" feiern gewisse Theorien ein zombieskes revival, über die schon Karl Marx Hohn und Spott ausschüttete, weil sie die Realität gar zu plump zugunsten einer offensichtlich von materiellen und politischen Interessen bestimmten Ideologie verdrehten.
In anderen Bereichen scheint ein immer größer werdendes Zeitloch in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts zu führen, eine Periode, die schon in ihrer ersten Auflage eine an die damalige Gegenwart nur geringfügig angepasste Kreuzung aus Biedermeier und Viktorianismus darstellte. Vor kurzem ist ein besonder frappierendes Dokument aus dem Zeitloch geplumpst. Der geneigte Leser und die geneigte Leserin schaue sich doch bitte einmal diese Meldung über die immense Wichtigkeit des "Vaters" an und lese sie aufmerksam und gründlich durch. Die folgenden Zitate stammen von dort.
"Männer sind für Jungs wichtig, damit sie lernen, ihre männliche Rolle in der Gesellschaft authentisch zu leben", erklärt Prof. Hartmut Kasten vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München.
Muss man dazu noch etwas sagen? Kann man dazu überhaupt noch etwas sagen? "Männliche Rolle in der Gesellschaft"??? Nehmen wir einmal zur Kenntnis, dass es sowas überhaupt noch gibt. Wie in drei Teufelsnamen käme aber ein vernünftiger Mensch auf die Idee, dass ein wichtiges Ziel der Kindererziehung darin bestehen könnte, Jungen in die Lage zu versetzen, diese "männliche Rolle" "authentisch zu leben"? Und wieso fühlt sich ein "Staatsinstitut für Frühpädagogik" berufen, so etwas zu propagieren, obwohl derartige sexistische Ideologien mit der im Grundgesetz festgeschriebenen Staatsdoktrin der Gleichberechtigung der Geschlechter offensichtlich unvereinbar sind? Wegen derartiger Äußerungen können heutzutage Anträge auf Einbürgerung abgelehnt werden!
Der nächste Absatz beginnt mit den Worten: "Schon Studien aus den dreißiger Jahren hätten gezeigt..." Hier stellte ich mir erstmals ernsthaft die Frage, ob ich vielleicht einer Persiflage auf den Leim gegangen sein könnte. Würde als nächstes auf Studien aus den frühen vierziger Jahren verwiesen werden, die eindeutig beweisen, dass die jüdische Rasse ein charakteristisches Nebeneinander von effeminierten Männern einerseits und Mannsweibern andererseits hervorzubringen prädisponiert ist, weswegen ihre Angehörigen als Erzieherinnen und Erzieher in Kindergärten und Schulen gänzlich ungeeignet seien?
Vaterlose Söhne zeigten mehr Gewalt. Erlebten die Jungs hingegen, dass der Vater auf die von ihnen gezeigten Aggressionen nicht in gleicher Weise, sondern liebevoll reagiert, sind sie gerührt, so Heinsohn. Sie sehen die beschützende Stärke. "Damit ist ein Hauptstück der männlichen Sozialisation geschafft."
Es war eben von Anfang an ein Fehler, uneheliche Kinder mit ehelichen rechtlich gleichzustellen! Jetzt haben wir den Salat: Die Gesellschaft versinkt in Jugendkriminalität, und schuld sind natürlich die 68er und ihre antimoralische Liberalisierung des Scheidungsrechts unter der sozialliberalen Koalition! Die damaligen Warner und Mahner haben Recht behalten mit ihrer Einschätzung, dass diese Kulturrevolution gegen die Grundfesten der Zivilisation gerichtet war! - Friedliche und wohlintegrierte junge Männer erzeugt man nur mit Hilfe eines Vaters, der seinen Sohn liebevoll tätscheln kann, nachdem dieser ein anderes Kind verprügelt hat. Denn dann erwerben die gerührten Jungen ein Verständnis von "beschützender Stärke", im Gegensatz zur beschützenden Schwäche, die sie bei der Mutter erfahren. Das versetzt sie späterhin auch in die Lage einzusehen, warum der Innenminister unbedingt Recht hat, wenn er die Befugnisse des Staates und seiner Sicherheitsorgane auf Kosten demokratischer Grundrechte ausweiten will. Denn nichts geht über ein mehr an beschützender Stärke! Damit wäre dann ein Hauptstück der Sozialisation, die es ja als solche eigentlich gar nicht geben sollte, sondern nur als "männliche" oder "weibliche" Sozialisation, geschafft.
Studien hätten gezeigt, dass Mütter stärker pflegerische, Väter hingegen spielerische Aktivitäten im Umgang mit ihren Kindern entfalten und beide sich in der Art des Spielens unterscheiden, erläutert Prof. Holger Brandes von der Evangelischen Hochschule für Sozialarbeit in Dresden. Mütter spielten sanfter, Väter rauer, und zwar sowohl mit Mädchen als auch mit Jungen. Außerdem sei deutlich geworden, dass Väter häufig herausfordernder sind als Mütter.
Dass dies so ist, beweist natürlich zweifelsfrei, dass es a) auch gut so ist, b) gar nicht anders sein kann, c) auf jeden Fall so bleiben sollte, sowie dass d) auch unbedingt etwas dafür getan werden muss, dass dies so bleibt, weil sonst unvermeidlich das Abendland untergeht. Man sollte z. B. Alleinerziehende in Zwangs-WGs mit Angehörigen des anderen Geschlechts stecken und homosexuelle Paare bloß keine Kinder in die Finger kriegen lassen. Frauen, die Hosen tragen, sollte man darüber aufklären, dass dies nicht nur ihre Gebärfähigkeit beeinträchtigt, sondern auch eine mangelnde Verbundenheit mit ihrer weiblichen Rolle in der Gesellschaft anzeigt. Als überzogen ist jedoch die Forderung anzusehen, behoste Frauen aus dem öffentlichen Dienst auszuschließen, da sie ein gegen den Bestand der Gesellschaft an und für sich gerichtetes Symbol gebrauchen.
Es erscheint mir nur recht und billig, das zuerst angeführte Zitat von Prof. Hartmut Kasten zum Zitat der Woche zu erklären. Herzlichen Glückwunsch, Herr Kasten! Bitte erklären Sie mir meine männliche Rolle in der Gesellschaft! Keinerlei Sinn hat, wie ich dank Ihnen erkenne, die kantische Frage: "Was soll ich tun?", wenn nicht zuvor das Geschlecht des oder der Fragenden geklärt ist!
Montag, 4. Juni 2007
Revolution oder Hippietum
"Gar nicht gefallen hat mir diesmal Fromm – er hat mich in die paradoxe Situation gebracht, Freud zu verteidigen. Sentimental und falsch unmittelbar, eine Mischung von Sozialdemokratie und Anarchismus, vor allem ein empfindlicher Mangel an dialektischem Begriff. Er macht es sich mit dem Begriff der Autorität viel zu leicht, ohne den ja schließlich weder Lenins Avantgarde noch die Diktatur zu denken ist. Ich würde ihm dringend raten, Lenin zu lesen."
(Brief von Theodor W. Adorno an Max Horkheimer vom 21. März 1936. - Adorno nimmt Bezug auf Erich Fromms Aufsatz "Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Theorie", in: Zeitschrift für Sozialforschung IV, 1935, S. 365 ff.)
Entscheidet selbst, wer ist cooler? Der knuddelige Psychotherapeut, der Marx für einen verkappten Zen-Buddhisten hielt, oder der dynamische Revolutionsführer mit der sexy Stirnglatze?
(Brief von Theodor W. Adorno an Max Horkheimer vom 21. März 1936. - Adorno nimmt Bezug auf Erich Fromms Aufsatz "Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Theorie", in: Zeitschrift für Sozialforschung IV, 1935, S. 365 ff.)
Entscheidet selbst, wer ist cooler? Der knuddelige Psychotherapeut, der Marx für einen verkappten Zen-Buddhisten hielt, oder der dynamische Revolutionsführer mit der sexy Stirnglatze?

Mittwoch, 30. Mai 2007
Göttliches Liebesgeflüster
"Da antwortete und sagte zu ihr der Wolkensammler Zeus:
'Here! dahin kannst du dich auch noch später aufmachen.
Wir beide aber, komm! wollen uns erfreuen, in Liebe gelagert!
Denn noch nie hat das Verlangen nach einer Göttin oder einer Frau
Mir so den Mut in der Brust rings überströmt und bezwungen!
Auch nicht, als ich begehrte die Gattin des Ixion,
Die den Peirithoos gebar, den Ratgeber, gleichwiegend den Göttern.
Auch nicht, als es Danaë war mit den schönen Fesseln, die Akrisios-Tochter,
Die den Perseus gebar, den Ausgezeichneten vor allen Männern.
Auch nicht des Phoinix Tochter, des weitberühmten: Europa,
Die mir gebar den Minos und den gottgleichen Rhadamanthys.
Auch nicht Semele und auch nicht Alkmene in Theben,
Die Herakles, den starksinnigen, als Sohn geboren,
Doch den Dionysos gebar Semele zur Freude der Sterblichen.
Auch nicht, als es Demeter war, die flechtenschöne, die Herrin,
Noch Leto, die herrlich prangende, noch auch du selber -
So wie jetzt ich dich begehre und das süße Verlangen mich ergreift!'"
(Homer, Ilias, XIV 312-328, Übersetzung: Wolfgang Schadewaldt.)
(Und jetzt seht euch an, was die neoklassische Kitschnase James Barry, 1741-1806, aus dieser schönen Szene auf dem Berg Ida gemacht hat - ich konnte nämlich auf die schnelle kein besseres Bild finden:)
.jpg)
'Here! dahin kannst du dich auch noch später aufmachen.
Wir beide aber, komm! wollen uns erfreuen, in Liebe gelagert!
Denn noch nie hat das Verlangen nach einer Göttin oder einer Frau
Mir so den Mut in der Brust rings überströmt und bezwungen!
Auch nicht, als ich begehrte die Gattin des Ixion,
Die den Peirithoos gebar, den Ratgeber, gleichwiegend den Göttern.
Auch nicht, als es Danaë war mit den schönen Fesseln, die Akrisios-Tochter,
Die den Perseus gebar, den Ausgezeichneten vor allen Männern.
Auch nicht des Phoinix Tochter, des weitberühmten: Europa,
Die mir gebar den Minos und den gottgleichen Rhadamanthys.
Auch nicht Semele und auch nicht Alkmene in Theben,
Die Herakles, den starksinnigen, als Sohn geboren,
Doch den Dionysos gebar Semele zur Freude der Sterblichen.
Auch nicht, als es Demeter war, die flechtenschöne, die Herrin,
Noch Leto, die herrlich prangende, noch auch du selber -
So wie jetzt ich dich begehre und das süße Verlangen mich ergreift!'"
(Homer, Ilias, XIV 312-328, Übersetzung: Wolfgang Schadewaldt.)
(Und jetzt seht euch an, was die neoklassische Kitschnase James Barry, 1741-1806, aus dieser schönen Szene auf dem Berg Ida gemacht hat - ich konnte nämlich auf die schnelle kein besseres Bild finden:)
.jpg)
Dienstag, 8. Mai 2007
Aus der Trieblehre eines katholischen Philosophen
"Der Fortpflanzungstrieb ist in der gesamten belebten Natur stärker und ursprünglicher als der Trieb nach Selbsterhaltung, und nur die steigende Triebperversion eines kleinen Stückes westeuropäischer Geschichte konnte den Irrtum verschulden, dieser sei primär."
Max Scheler: Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik, 6. Auflage, Bern 1980, S. 171, Fußnote 2.
Max Scheler: Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik, 6. Auflage, Bern 1980, S. 171, Fußnote 2.
Freitag, 27. April 2007
Mahnung an Bestecher
"In diesem Zusammenhang ist es mir ein Anliegen, dass gegen mich hier nichts vorliegt. Ich habe mir nichts zu Lasten gelegt bekommen."
(Der zurückgetretene Siemens-Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Kleinfeld am 25.4.07. Quelle: Tagesschau.)
Dieses Zitat bekommt von uns den Ehrenpreis für die schönste Art, ganz offen zu sagen: "Ich bin bislang nicht erwischt worden!"
Doch leider kann ich nur bestätigen, das Klaus Kleinfeld wirklich niemanden besticht! Mehrfach habe ich versucht, mich als Empfänger für immense Bestechungsgelder anzubieten. Leider hat weder Kleinfeld noch irgendein anderes Mitglied des Aufsichtsrats oder Vorstandes von Siemens jemals auf meine telepathisch übermittelten Anfragen reagiert! NOCH IMMER habe ich keinerlei Bestechungsgeld erhalten. Aber auch ich habe bislang keinerlei Leistung erbracht! Wo bleibt denn da, in diesem unseren Land, die Leistungsgerechtigkeit, wenn manche für nichts bezahlt werden, andere aber nicht! Ich möchte hiermit erneut bekräftigen, dass ich für die Entgegennahme von insbesondere größeren Geldbeträgen jederzeit zur Verfügung stehe. NUR FLÄCHENDECKENDE KORRUPTION FÜR JEDEN KANN DIE SOZIALEN PROBLEME DIESES LANDES LÖSEN!
(Der zurückgetretene Siemens-Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Kleinfeld am 25.4.07. Quelle: Tagesschau.)
Dieses Zitat bekommt von uns den Ehrenpreis für die schönste Art, ganz offen zu sagen: "Ich bin bislang nicht erwischt worden!"
Doch leider kann ich nur bestätigen, das Klaus Kleinfeld wirklich niemanden besticht! Mehrfach habe ich versucht, mich als Empfänger für immense Bestechungsgelder anzubieten. Leider hat weder Kleinfeld noch irgendein anderes Mitglied des Aufsichtsrats oder Vorstandes von Siemens jemals auf meine telepathisch übermittelten Anfragen reagiert! NOCH IMMER habe ich keinerlei Bestechungsgeld erhalten. Aber auch ich habe bislang keinerlei Leistung erbracht! Wo bleibt denn da, in diesem unseren Land, die Leistungsgerechtigkeit, wenn manche für nichts bezahlt werden, andere aber nicht! Ich möchte hiermit erneut bekräftigen, dass ich für die Entgegennahme von insbesondere größeren Geldbeträgen jederzeit zur Verfügung stehe. NUR FLÄCHENDECKENDE KORRUPTION FÜR JEDEN KANN DIE SOZIALEN PROBLEME DIESES LANDES LÖSEN!
Freitag, 20. April 2007
Krieg ist super!
Ein würdiges Zitat der Woche!
Die Geschichte mit Günther Oettingers Filbinger-der-Nazigegner-Grabrede ist jetzt wohl schon allseits bekannt. Aber ich habe noch ein anderes tolles Zitat unseres schwäbischen Ministerpräsidenten gefunden. Und zwar gestern beim ARD-Magazin Kontraste:
Nachdem er vor ein paar Wochen auf einer Versammlung seiner ehemaligen Studentenverbindung (sprich: Burschenschaft) Ulmia darüber philosophierte, dass Kriege ganz toll seien, weil sie die Menschen nachher, wenn alles kaputt ist, dazu anregen, ja geradezu anstacheln, alles wieder aufzubauen, und dann bedauernd anfügte: "Aber des Blöde isch, es kommd kein Krieg mehr." - was ein großer Lacher war auf dieser famosen Versammlung -, sagte er auf einer Pressekonferenz, zu einer Erklärung genötigt, Folgendes (im Originalton natürlich noch viel schöner, dieses Schwäbisch):
"Kriege gibt es Gott sei Dank nicht mehr. Und deswegen müssen wir jetzt aus eigener Kraft mehr leisten, durch Reformen, als das früher, mit Hilfe von Streitkräften, mit Hilfe von Neuanfang, möglich gewesen war."
(Man beachte den schönen Plusquamperfekt.)
Wirklich, an dem Mann ist ein großer politischer Philosoph verloren gegangen. Auf einer Augenhöhe mit Alexis deTocqueville und Machiavelli mindestens. Kriege und Streitkräfte als treibende Kraft der Zivilisation, dass ist doch eine schöne These!
Vielleicht sollten wir Deutschen dann doch mal wieder... statt der ewigen langwierigen Reformen... dann wär auch Schluss mit dem Gejammer...
Die Geschichte mit Günther Oettingers Filbinger-der-Nazigegner-Grabrede ist jetzt wohl schon allseits bekannt. Aber ich habe noch ein anderes tolles Zitat unseres schwäbischen Ministerpräsidenten gefunden. Und zwar gestern beim ARD-Magazin Kontraste:
Nachdem er vor ein paar Wochen auf einer Versammlung seiner ehemaligen Studentenverbindung (sprich: Burschenschaft) Ulmia darüber philosophierte, dass Kriege ganz toll seien, weil sie die Menschen nachher, wenn alles kaputt ist, dazu anregen, ja geradezu anstacheln, alles wieder aufzubauen, und dann bedauernd anfügte: "Aber des Blöde isch, es kommd kein Krieg mehr." - was ein großer Lacher war auf dieser famosen Versammlung -, sagte er auf einer Pressekonferenz, zu einer Erklärung genötigt, Folgendes (im Originalton natürlich noch viel schöner, dieses Schwäbisch):
"Kriege gibt es Gott sei Dank nicht mehr. Und deswegen müssen wir jetzt aus eigener Kraft mehr leisten, durch Reformen, als das früher, mit Hilfe von Streitkräften, mit Hilfe von Neuanfang, möglich gewesen war."
(Man beachte den schönen Plusquamperfekt.)
Wirklich, an dem Mann ist ein großer politischer Philosoph verloren gegangen. Auf einer Augenhöhe mit Alexis deTocqueville und Machiavelli mindestens. Kriege und Streitkräfte als treibende Kraft der Zivilisation, dass ist doch eine schöne These!
Vielleicht sollten wir Deutschen dann doch mal wieder... statt der ewigen langwierigen Reformen... dann wär auch Schluss mit dem Gejammer...
Mittwoch, 28. März 2007
Bad Writing Contest
Dies ist ein Abschiedspost, denn ich begebe mich auf Reisen und werde vielleicht nicht lebend zurückkehren. Wir sind halt ein abenteuerlustiges Globetrotter-blog. ich persönlich verreise in eine Stadt, die in der Geschichte mehrfach negativ aufgefallen ist. Nicht nur war sie vor dem Zweiten Weltkrieg ein wichtiges intellektuelles Zentrum des europäischen Antisemitismus, sie ist auch, was weniger bekannt ist, daran schuld, dass wir noch nicht im Kommunismus leben. Und das geht so: Als die Türken 1453 Konstantinopel, eine Stadt, die zu gründen an sich schon eine der schlechtesten Ideen in der Geschichte des Römischen Imperiums darstellte, endlich eroberten, lösten sie dadurch im Abendland den Anbruch der Neuzeit aus. Und nun stelle man sich vor, was erst passiert wäre, wenn die von mir bald bereiste Stadt wenigstens ihre zweite Chance genutzt hätte und 1683 unter osmanische Herrschaft sich begeben hätte! Eben, wir würden Weltfrieden und universellem Wohlstand genießen und uns den ganzen Tag nur dem hehren Kunstgenuss und der freien Liebe hingeben. Nämlich.
Hier noch ein Zitat der Woche. Jene Freundin, die ich alsbald besuchen werde, war so liebenswert, mich auf den Bad Writing Contest des Department of Philosophy der University of Miami aufmerksam zu machen, dessen winner hier mit seinem prämierten Satz zitiert werden soll:
"Indeed dialectical critical realism may be seen under the aspect of Foucauldian strategic reversal--of the unholy trinity of Parmenidean/Platonic/Aristotelean provenance; of the Cartesian-Lockean-Humean-Kantian paradigm, of foundationalisms (in practice, fideistic foundationalisms) and irrationalisms (in practice, capricious exercises of the will-to-power or some other ideologically and/or psycho-somatically buried source) new and old alike; of the primordial failing of western philosophy, ontological monovalence, and its close ally, the epistemic fallacy with its ontic dual; of the analytic problematic laid down by Plato, which Hegel served only to replicate in his actualist monovalent analytic reinstatement in transfigurative reconciling dialectical connection, while in his hubristic claims for absolute idealism he inaugurated the Comtean, Kierkegaardian and Nietzschean eclipses of reason, replicating the fundaments of positivism through its transmutation route to the superidealism of a Baudrillard."
aus: Roy Bhaskar: Plato etc: The Problems of Philosophy and Their Resolution (Verso, 1994)
Hier noch ein Zitat der Woche. Jene Freundin, die ich alsbald besuchen werde, war so liebenswert, mich auf den Bad Writing Contest des Department of Philosophy der University of Miami aufmerksam zu machen, dessen winner hier mit seinem prämierten Satz zitiert werden soll:
"Indeed dialectical critical realism may be seen under the aspect of Foucauldian strategic reversal--of the unholy trinity of Parmenidean/Platonic/Aristotelean provenance; of the Cartesian-Lockean-Humean-Kantian paradigm, of foundationalisms (in practice, fideistic foundationalisms) and irrationalisms (in practice, capricious exercises of the will-to-power or some other ideologically and/or psycho-somatically buried source) new and old alike; of the primordial failing of western philosophy, ontological monovalence, and its close ally, the epistemic fallacy with its ontic dual; of the analytic problematic laid down by Plato, which Hegel served only to replicate in his actualist monovalent analytic reinstatement in transfigurative reconciling dialectical connection, while in his hubristic claims for absolute idealism he inaugurated the Comtean, Kierkegaardian and Nietzschean eclipses of reason, replicating the fundaments of positivism through its transmutation route to the superidealism of a Baudrillard."
aus: Roy Bhaskar: Plato etc: The Problems of Philosophy and Their Resolution (Verso, 1994)
Samstag, 24. März 2007
Bonuszitat
"Just because you're German doesn't make you a Nazi."
Tobey Maguire (aka Tully in The Good German)
Tobey Maguire (aka Tully in The Good German)
Freitag, 23. März 2007
Zitat der vergangenen Woche
Es ist zwar niemandem aufgefallen, aber da hat doch tatsächlich letzte Woche das Zitat der Woche gefehlt. So ein Sauhaufen hier! Eine Unordnung!
Ich werde das jetzt hiermit nachholen:
Mit einem wunderschönen, zugleich humorvollen und selbstironischen Liebesgedicht. Das geht so:
"Roses are red
Violets are blue
oh my, lump in the bed, how I've missed you.
Roses are redder
Bluer am I
Seeing you kissed by that charming French guy.
The dogs and the cat,
They missed you, too
Barney's still mad you dropped him - he ate your shoe.
The distance, my dear,
has been such a barrier.
Next time you want an adventure, just land on a carrier."
Da ich befürchte, dass dieses wundervolle Gedicht weit weniger geschätzt wird, sobald der Autor bekannt ist (böse Vorurteile!), und ich dem Leser auf keinen Fall den Genuss verderben will, werde ich den Autor bis auf weiteres verschweigen und lediglich den Leser auffordern, selbst zu raten (Ja, es macht mir Spaß, die ganze Zeit Fragen zu stellen, auf die ich keine Antwort bekomme!).
Ich werde das jetzt hiermit nachholen:
Mit einem wunderschönen, zugleich humorvollen und selbstironischen Liebesgedicht. Das geht so:
"Roses are red
Violets are blue
oh my, lump in the bed, how I've missed you.
Roses are redder
Bluer am I
Seeing you kissed by that charming French guy.
The dogs and the cat,
They missed you, too
Barney's still mad you dropped him - he ate your shoe.
The distance, my dear,
has been such a barrier.
Next time you want an adventure, just land on a carrier."
Da ich befürchte, dass dieses wundervolle Gedicht weit weniger geschätzt wird, sobald der Autor bekannt ist (böse Vorurteile!), und ich dem Leser auf keinen Fall den Genuss verderben will, werde ich den Autor bis auf weiteres verschweigen und lediglich den Leser auffordern, selbst zu raten (Ja, es macht mir Spaß, die ganze Zeit Fragen zu stellen, auf die ich keine Antwort bekomme!).
Mittwoch, 21. März 2007
Statt eines Nachrufs
Deborah Solomon: Bei uns meinen manche, dass die Geisteswissenschaften an den amerikanischen Universitäten durch den Einfluss von Dekonstruktion und anderer französischer Theorien Schaden genommen haben.
Jean Baudrillard: Das war das Geschenk der Franzosen. Sie haben den Amerikanern eine Sprache gegeben, die diese nicht brauchen. Das ist wie mit der Freiheitsstatue. Kein Mensch braucht französische Theorien.
(SZ vom 24. November 2005. Deutsch von Christopher Schmidt.)
Jean Baudrillard: Das war das Geschenk der Franzosen. Sie haben den Amerikanern eine Sprache gegeben, die diese nicht brauchen. Das ist wie mit der Freiheitsstatue. Kein Mensch braucht französische Theorien.
(SZ vom 24. November 2005. Deutsch von Christopher Schmidt.)
Sonntag, 11. März 2007
We hate love, we love hate
Tja, schon spät, was, und noch gar kein Zitat der Woche! Auch sonst gar nichts, diese Woche! All das hat natürlich einen tieferen Sinn. Zum Beispiel, nicht durch hohe Produktivität zum Wirtschaftsaufschwung beizutragen, den wir nämlich ablehnen. Stattdessen betätigen wir uns als "Wühlmäuse an den Wurzeln unserer Demokratie" und sabotieren jede "geistig-moralische Wende" (beide Zitate: Helmut Kohl, Seriensieger im Kanzlercasting), die nicht bei drei auf den Bäumen ist. Als lieblos hingerotzes Dienst-nach-Vorschrift-Wochenzitat biete ich daher heute, um die Sektenbeauftragten zu ärgern, einen dummen Satz eines noch dümmeren zwielichtigen Gurus, der einst eine militante Weltuntergangssekte gründete und damit der Menschheit einen Bärendienst sondergleichen erwies - richtig, es geht um Jesus. Der Menschensohn informiert das geneigte Publikum über die Aufnahmebedingungen in seinen Club der Erlösten folgendermaßen:
"Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und die Mutter und die Frau und die Kinder und die Brüder und die Schwestern, dazu aber auch sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein." (Lukas 14, 26)
Ich persönlich bin ja eher für den Satanismus, die Religion der Liebe. Da muss man niemanden hassen, kann sich den rituellen Kannibalismus sparen und darf sogar ficken.
"Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und die Mutter und die Frau und die Kinder und die Brüder und die Schwestern, dazu aber auch sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein." (Lukas 14, 26)
Ich persönlich bin ja eher für den Satanismus, die Religion der Liebe. Da muss man niemanden hassen, kann sich den rituellen Kannibalismus sparen und darf sogar ficken.
Donnerstag, 1. März 2007
Zum Thema "Elfenbeinturm"
"Philosophie und Studium der wirklichen Welt verhalten sich zueinander wie Onanie und Geschlechtsliebe."
Karl Marx und Friedrich Engels: "Die deutsche Ideologie", in: MEW 3, S. 218.
Karl Marx und Friedrich Engels: "Die deutsche Ideologie", in: MEW 3, S. 218.
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