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Dienstag, 2. Oktober 2007

Können Blumenbilder lügen?

Ach ja, mal wieder fängt ein neues Semester an, und ein Blick in die Vorlesungsverzeichnisse beweist erneut, dass eh alles zu spät ist.
Sowas wie politische Theorie ist ja in Politikwissenschaft schon lange out und wird eigentlich kaum noch gemacht (3! Hauptseminare). Dafür gibt es Veranstaltungen mit klingenden Namen wie: "Vergleichende Policy Analyse: Agenda Setting und Policy Framing", wo es um Politik aus so einer Art betriebswirtschaftlichen Perspektive geht, nehme ich an. Jedenfalls gehört jeder, der sowas freiwillig besucht, sofort auf die schwarze (naja, die Farbe ist eigentlich egal) Liste für nach der Revolution gesetzt.

Bei den Kulturwissenschaftlern ist eh schon Hopfen und Malz verloren ("Können Blumenbilder lügen?", "Geschlecht als Wissenskategorie"), da ist es ja nur recht, wenn jetzt unser insgeheimer Lieblingsfeind (ausgelöst durch diesen Artikel hier) Cord Riechelmann dort als Gastdozent auftritt ("Von Aristoteles’ Nachtigallen zum Ritornell", aber was sag ich...). - Bemerkenswert dabei, dass die Seite des Instituts für Ästhetik so hässlich ist...

Allerdings gibt es da auch ein Seminar mit dem Titel "Libertinismus im 18. Jahrhundert", das ich mir vermutlich nicht entgehen lassen werde. Schließlich will ich was für's Leben lernen!
In diesem Zusammenhang möchte ich noch eine kleine Empfehlung abgeben, für einen zwar schon 7 Jahre alten, dafür aber nicht sehr bekannten französischen Film: Le Libertin (dt. Titel: "Liebeslust und Freiheit") von Gabriel Aghion (der bestimmt viel besser ist als der gleichnamige mit Johnny Depp aus dem Jahr 2004). Hauptfigur ist Denis Diderot (Vincent Perez), der nackt auf dem Gut von Baron d'Holbach rumhüpft und sich einen Scheiß um Anstand und Konvention schert, solange es um sein eigenes Sexualleben geht, aber ganz neue Aspekte entdeckt, als seine adoleszente Tochter mit der Idee spielt, es ihm gleichzutun. Nebenbei wird im Keller unter der Kapelle heimlich der nächste Band der verbotenen Enzyclopädie gedruckt, was aber der vorbeischauende Kardinal selbstverständlich nicht merken darf.
(Interessant ist auch, dass es Bilder aus dem Film mit dem nackten Diderot nur auf einer russischen Kinoseite gibt... allerdings leider zu klein um sie zu verwenden...)

Und passend zum Thema noch ein Zitat der Woche, dann wäre ja erstmal das Gröbste an Versäumnissen der letzten Wochen aufgeholt...
"Wir müssen die Freiheit als seelischen Wert erst wieder begreifen und gewinnen lernen. ... Freiheit ist nicht Zügellosigkeit, Liberalismus nicht Libertinismus!"
Prof. Dr. Theodor Heuss, 1946

Freitag, 17. August 2007

Fucking great stuff!

Übrigens habe ich heute einen ABSOLUT GROßARTIGEN Film gesehen, den ich unseren Lesern hiermit ans Herz legen möchte:

Ex Drummer von Koen Mortier, die Verfimung eines gleichnamigen Romans von Hermann Brusselmans - der einmal, so die Anekdote, die der Regisseur heute erzählte, im belgischen Fernsehen geladen war, um ein EM-Fußballspiel der Belgischen Nationalmannschaft zu kommentieren und dann auf die Frage, wie er das Spiel gefunden habe, so was ähnliches sagte, wie (dabei auf die Frau neben sich deutend): "Keine Ahnung, ich hab nicht zugeschaut, ich hab die ganze Zeit mit ihr rumgemacht."
Das soll als Einblick reichen, der Film jedenfalls: brutal, derb, sehr unkorrekt, dreckig, hässlich, dabei intelligent und an allen Klischees vorbei, sehr lustig und vor allem sehr sehr gut inszeniert! Einer der beeindruckendsten Filme, die ich je gesehen habe, echt wahr! Wollte ich nur mal gesagt haben, vielleicht interessiert es ja den einen oder anderen von unseren schlecht gelaunten Lesern.

Sonntag, 1. Juli 2007

Das muss aufhören!

Wenn es schon um die deutsche Sprache geht, wollte ich mal noch ein weiteres wichtiges Thema ansprechen, das ich aus gegebenem Anlass schon einmal erwähnte.
Für die Überleitung hole ich ein bisschen aus:

"Die Lust am Übersetzen ist den Deutschen treu geblieben: Nach der Statistik der Unesco wird in keine andere Sprache so viel übersetzt wie in die deutsche – mehr als ins Spanische und Französische, mehr als doppelt so viel wie i
ns Englische."

Das schreiben die im letzten Beitrag genannten Sprachschützer von der Stiftung Deutscher Sprache ebenfalls auf ihrer Homepage, und GENAU DAS ist das Schlimme an den Deutschen: ihre
Übersetzungsmanie! Ich schmeiß hier jetzt mal bewusst undifferenziert alles in den selben Topf, was zusammengehört, und sage: das Schlimmste am Deutschen ist diese zwanghafte Neurose, alles übersetzen und synchronisieren zu müssen. Wobei ich am mich hauptsächlich interessierenden Punkt angekommen wäre: Dem SYNCHRONISIEREN VON FILMMATERIAL ALLER ART.
(Fast) kein vernünftiges Land dieser Welt hat es nötig, restlos alles - Filme, Serien, Sitcoms, Werbespots - synchronisiert auszustrahlen. (Die Wikipedia bestätigt mich in dieser Vermutung. Außer in Deutschland scheint es nur in Italien noch ganz schlimm zu sein.) Aber im deutschen Fernsehen und sogar Kino kriegt man alles immer nur auf deutsch! Ein Kulturbanausentum sondergleichen! Und sowas schimpft sich Geistes- und Kulturnation oder so ähnlich!
Zum Beispiel in einem kultur- und geschichtslosen Land wie Australien gibt es im Kino französische Werbespots OHNE Untertitel, im Fernsehen läuft "Komissar Rex" im Originalton (obwohl dort wahrscheinlich weitaus weniger Menschen deutsch verstehen als hierzulande englisch). Sogar im Schweizer Fernsehen und Kino wird weniger synchronisiert - obwohl man es dort andererseits fertigbringt, deutsche Werbung mit diesem komischen Dialekt, den man nicht Dialekt nennen darf, nämlich Schwyzerdütsch, nachzuvertonen! (Das ist wirklich schlimm und das will ich keinesfalls gutheißen, aber das gehört jetzt nicht hierher.)

Abb.: Ein seltenes Exemplar einer nicht übersetzten Essanleitung. Ob das auch verstanden wird?

Hiermit plaidiere ich für ein boycott des deutschen Übersetzungs- und Synchronisierungswahns! Wie auch immer das zu bewerkstelligen wäre! Aber NOTWENDIG wäre es jedenfalls!

Dienstag, 1. Mai 2007

Unsere neue Lieblingsserie

"The Simpsons" ist längst eine Brutstätte des Neokonservatismus, und "South Park" die Lieblingssendung der saturierten linksliberalen Bourgeoisie. Echte Revolutionäre sind sich einig: Ihr Lieblingscartoon heißt "Drawn Together".

Diese Zeichentrickserie kann man nicht beschreiben, man muss sie gesehen haben. Zartbesaitete und "kultivierte" Gemüter werden evtl. eine Weile brauchen, um ihre Hemmungen zu überwinden und sich an den speziellen, wilden und verwegenen Geist zu gewöhnen, der einem hier um die Ohren weht. Wir vom spitzboubenblog dagegen haben längst verstanden, dass dieser (in den USA von Comedy Central mittlerweile abgesetzten) Serie die Zukunft gehört. Sogar die deutsche Synchronisation ist ziemlich gut! Obwohl der zum Teil wortspiellastige Humor sich natürlich nicht verlustfrei übersetzen lässt. Hierzulande läuft die Sendung auf MTV, schaut mal rein, niemand weiß, wie lange dort die bisherigen Folgen noch in der Endlosschleife wiederholt werden! Schon nächsten Monat kann alles vorbei sein! Übrigens haben einige unterbeschäftigte Freaks, die offensichtlich rein gar nichts mit ihrer Zeit anzufangen wissen, so ziemlich die gesamte Serie in eine Unzahl von Wikipedia-Artikeln verstoffwechselt.

Donnerstag, 18. Januar 2007

Die Rechnung des eiskalten Tigers

Gestern habe ich eine Beobachtung gemacht, die mich mal wieder bestätigt hat (worin, werdet ihr gleich sehen).
Ich sah mir nämlich "Le Samourai" (zu deutsch: Der eiskalte Engel) von Jean-Pierre Melville an und konnte dank dem Zweikanalton meines alten Videorekorders die Originalfassung und die deutsche Synchronisation vergleichen. Und was musste ich feststellen? Das ist ja alles ganz anders!

Besonders beim Schluss haben die deutschen Synchronisatoren sich voll ins Zeug gelegt.
Und zwar so:
(Ich gehe mal davon aus, dass der Film eh bekannt ist, aber wer nicht mag, soll das halt jetzt nicht lesen.)

Jeff Costello, der Samourai, hat einen letzten Mordauftrag zu erfüllen. Er ist in einem Nachtclub, er geht zu der Pianistin, wechselt mit ihr ein paar Worte, zieht seine Waffe und zielt auf sie.


Der Dialog im französischen Original:

Sie: "Pourquoi, Jeff?"
Er: "On m'a payé pour ca."

Da dachten sich die deutschen Synchronisatoren: Nein, das ist zu herzlos, wie kann er das so sagen? Da kriegt der Zuschauer ja einen Schock. Also fügten sie noch einen beruhigenden Nachsatz hinzu, damit der Zuschauer sich keine Sorgen macht.

Sie: "Wozu das, Jeff?"
Er: "Ich wurde dafür bezahlt. Keine Angst, es geschieht ihnen nichts."

Das ist doch schon gleich viel schöner. Der Samourai wirkt viel menschlicher und die Frau fühlt sich bestimmt auch wohler und der Zuschauer muss keine Angst mehr haben. Alles ist gut.

Aber es wird noch besser.

Einen Moment später hört man Schüsse und Jeff Costello geht zu Boden, erschossen von mehreren Polizeibeamten. Zwei der Polizisten gehen zu der Frau und sprechen mit ihr:

"Vouz l'avez échappé belle."
"Sans nous, c'était vous qui seriez morte."
Da tritt der Polizeichef hinzu mit der Waffe des Samourai und sagt: "Non." Dabei zeigt er die Waffe. Sie ist nicht geladen.
Die Kamera fährt zurück, Musik setzt ein, Film aus.

Aber sowas kann man dem deutschen Publikum ja nicht zumuten. Da sagt der einfach "Nein", und man sieht die leere Trommel, aber was heißt denn das jetzt? Wer ist dieser Jeff Costello? Warum hat er sich von der Polizei erwischen lassen, oder war er etwa unachtsam? Wieso hat der Polizeichef denn keine Erklärung für alles? Und was ist jetzt die Moral?

Solche Fragen stellt sich das deutsche Publikum, und man will ihm nicht zumuten, womöglich selbst eine Antwort zu finden, oder gar mit einem offenen Ende zu leben, das die Figur des Jeff Costello - Gott bewahre! - ambivalent und mysteriös zurücklässt. Der deutsche Zuschauer will sich doch einen Reim auf alles machen können! Er will das Wie und Warum wissen. Er will eine Erklärung. Das wissen die deutschen Synchronisatoren natürlich.

Deswegen geht die Szene so:

Erster Polizist: "Sie sind nochmal davongekommen."
Zweiter Polizist: "Ohne uns lägen Sie jetzt hier tot auf dem Boden."
Der Polizeichef: "Nein. ... [Er zeigt die Waffe] Er hat seine Waffe vorher entladen. Er hat uns herausgefordert. Eiskalt. ... Weil seine Rechnung nicht mehr aufging. Und er war mit sich selbst am Ende. ... So allein ... der Tiger im Dschungel."

Welch schönes und erbauliches Ende. Der Tiger im Dschungel, ganz allein, mit sich selbst am Ende. Wenn das keine einwandfreie Erklärung ist.

Und was ist die Moral? - Natürlich folgendes: Liebe Leser, schaut keine synchronisierten Filme, da werdet ihr nur beschissen.

Und noch eine Preisfrage an die Leser: Wie zum Teufel tippt man ein c cedille?

(an bou: bitte korrigier doch die etwaigen fehler in meiner französisch-transkription. danke.)