Dienstag, 30. Januar 2007

Die Weisheit der Alten

Diogenes Laertios berichtet von dem antiken Philosophen Theodoros:

"Er hielt es für vernünftig, daß der Gute sein Leben nicht fürs Vaterland riskiert; denn er opfert seine Klugheit nicht für das Wohl der Dummköpfe. Der Kosmos sei unser Vaterland. Stehlen, Ehebrechen und Religionsfrevel seien eine Sache der Opportunität, denn diese Dinge sind nicht von Natur aus schlimm, sobald man nur das Vorurteil darüber aufgibt, das ersonnen ist, die Dummen in Schach zu halten. Der Weise werde öffentlich und ohne Skrupel mit seiner Geliebten verkehren."
(Diogenes Laertios, Leben und Lehre der Philosophen, II, 98-99; Übersetzung von Fritz Jürß)

Badezimmerteppichboden

Aus gegebenem Anlass beginne ich jetzt noch eine neue Sammlung. Ich könnte sogar gleich drei Sammlungen beginnen, nur weiß ich nicht, ob ich irgendeine davon weiterführen kann - manche Dinge sind eben schwierig in Serie zu finden.

Aber ich glaube, die folgende Sammlung wird eher unerschöpflich sein:
Es ist eine Muster-Sammlung und ich widme sie meiner Großmutter, Mimi, in Verehrung für ihren schönen Badezimmerteppich (und den Rest ihres schönen Hauses).

Familienalbum

Ich gebe zu, ich bin ein wenig desolat aus meinem Familienurlaub zurückgekommen. Psychisch, nicht physisch. Deswegen hätte ich gestern fast den absoluten no-go-Blogger-Fehler begangen und in sehr, sehr schlechter Stimmung ein Post geschrieben - aber dann hatte ich zum Glück sowieso keine Zeit dafür. Ich werde euch jetzt auch nicht damit langweilen, von meinem Überdruss, meiner Trägheit und meinem stetig zunehmenden Gefühl der Sinnlosigkeit all dessen, was ich tue, zu erzählen, denn ein Familienurlaub mag einen auf all dies erneut stoßen, aber Lösungen hält er nicht bereit. Deshalb verschiebe ich die Berichterstattung darüber, bis ich neue Ideen habe und Ergebnisse vorzuweisen.

Sattdessen erzähle ich euch ein wenig von meiner Großmutter.
Denn im Grunde habe ich mich hauptsächlich von ihr verwöhnen lassen und mich auf diese Weise ein wenig in meine Kindheit zurückversetzt. Außerdem hat sie mir zum ersten Mal Kinder- und Jugendphotos meines Vaters und von ihr selbst und meinem Großvater gezeigt, inklusive Jungmädel- und Wehrmachts-Uniformen, Kriegsgeschichten und Erlebnisberichten über das 27jährige Zusammenleben mit ihrer herrischen Schwiegermutter. Ich muss gestehen, dass es mir nicht leicht fällt, darüber ein Urteil zu bilden.
Mein Großvater wurde 1943 zur Wehrmacht eingezogen und war dann von 1944 bis 1949 in russischer Kriegsgefangenschaft. Meine Großmutter war als Jugendliche und junge Erwachsene erst bei den Jungmädels, dann beim BDM. Später dann in keiner Vereinigung mehr. Aus ihrer Perspektive stellt sich das dar, wie eine Mädchenfreizeitgruppe, man machte Auflüge und Wanderungen - von Politik ist keine Rede. Von Hitler als Person hat man nicht besonders viel gehalten, aber zunächst die Veränderungen als positiv wahrgenommen. Das Verschwinden der Arbeitslosigkeit (oder auch eher: der sichtbaren Arbeitslosen) war zuerst das auffälligste Zeichen, erzählte meine Großmutter. Und dann dachte man: naja, dieser Hitler, der hat vielleicht was drauf. Vorher stapelten sich die Fahrräder vor dem Amt, das für die Arbeitslosen zuständig war, als Hitler kam, waren dort kaum noch welche. Von Juden in ihrer Umgebung wusste sie nichts - sie kannte keine. Dass Kommunisten zur "Umerziehung" in ein Lager in der Nähe kamen, hatte sie mitgekriegt. Im Nachhinein fühlte man sich dann von ihm betrogen, sagte sie, als man von den Morden und Verbrechen erfuhr, aber auch wegen des Krieges. Der Bruder meiner Großmutter fiel in der Nähe von Stalingrad. Sie wusste aber auch noch, dass sie mit Anfang Zwanzig (sie ist Jahrgang 1921) ihre Skier für die Soldaten an der Ostfront gespendet hatte. Es gab einen Aufruf, Skier zu spenden, damit die Soldaten in Russland besser im dortigen Winter zurechtkommen.
Wie hat meine Großmutter das alles damals wirklich wahrgenommen, und was ist auf nachträgliche Verdrängungsleitungen zurückzuführen? Was hat man wirklich gewusst und was nicht und was hätte man wissen können und unter welchen Umständen ist das vorwerfbar, wenn man es nicht gewusst hat? Ist das einfach nur naiv oder blind oder schaute man weg? Oder ist nicht vielmehr, wenn, dann das Verhalten nach dem Ende des NS-Regimes relevant - wie man mit dem Wissen umging, was man tat, um das eben Geschehene, an dem man unwissend, unwillentlich oder wie auch immer doch beteiligt war, aufzuarbeiten? Und ist das heute noch wichtig, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen? Und welches Recht habe ich, meine Großmutter darüber auszufragen und mir Urteile anzumaßen? Und sollte all das irgendwelche Auswirkungen auf mein Verhältnis zu meiner Großmutter heute haben, die ich als äußerst liebenswürdigen, großherzigen und bescheidenen Menschen kenne? Wie kann ich diese ihre Wesensart schätzen - was ich tue, denn ich mag meine Großmutter sehr, sehr gerne - und gleichzeitig anerkennen, dass sie in der NS-Zeit, als sie so jung auch nicht mehr war, dass es vieles entschuldigen würde, sich möglicherweise auf eine Weise verhalten hat, die die damaligen Grausamkeiten mitermöglicht hat, wenn auch nicht absichtlich oder wissentlich, sondern lediglich passiv und vermutlich naiv und "unpolitisch"? Für was ist ein Mensch überhaupt verantwortlich (zu machen)? Das sind die nicht sehr originellen Fragen, die ich mir dennoch stelle.
Im Moment habe ich keine Antworten, aber wahrscheinlich ist das auch nicht so relevant. Es kommt eigentlich auch überhaupt nicht darauf an, was ich von meiner Großmutter denke. Vielmehr ist es einfach interessant, Berichte aus dieser Zeit aus der Perspektive einer vermutlich recht durchschnittlichen, kleinbürgerlichen jungen Frau in Schwaben zu hören und auf diese Weise etwas darüber zu lernen, wie der Nationalsozialismus funktioniert hat.

Ich habe übrigens auch vor kurzem ein interessantes Interview mit einer Historikerin, Dagmar Herzog, gelesen, über Sexualität im Nationalsozialismus. Es ging ihr darum, zu sehen, dass die Sexualpolitik im NS zwar in Bezug auf Minderheiten und von der heterosexuellen deutschen Norm abweichende Menschen sehr repressiv war, aber für den "normalen deutschen Menschen" und insbesondere auch Frauen durchaus liberal und aufgeklärt war, was zum Beispiel Sex vor der Ehe, den weiblichen Orgasmus und Spaß am Sex angeht - im Vergleich zur Zeit davor und unmittelbar danach, in den Fünfzigern. Das ist ein interessantes Faktum, finde ich. Ihre These war, dass die Prüderie der Nachkriegszeit eine Art Verdrängungsleistung und Abwehr des dann als zügellos und unmoralisch klassifizierten NS war, mit der sich die Deutschen, insbesondere konservative Kräfte und die Kirchen, von dieser Zeit absetzen und moralisch reinwaschen wollten. Erst in den 60ern kam der Umschwung und die Ansicht, der NS sei prüde und repressiv gewesen. Die 68er sind so eher eine Antipostfaschistische Bewegung gewesen, wie sie sagte, als eine Antifaschistische.
Dagmar Herzog hat dazu auch ein Buch geschrieben, das ich bislang aber nicht gelesen habe: "Die Politisierung der Lust. Sexualität in der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts" (aus dem Englischen, München 2006).

Montag, 29. Januar 2007

Die letzten Tage im Puff

Und weiter geht's mit meinem Monolog...

Kaum habe ich mir Osttimor als das Land erfuellter monogamer Liebe zurechtgelegt, schon treffe ich in einer Bar auf einen aelteren schwulen Neuseelaender, der mir nach dem fuenften Bier verraet, Osttimor sei ein einziger Puff. Die Timoresen seien alle bisexuell. Und sehr naughty. Ueberall, in jedem Dorf, finde man jemanden, einen Jungen, ein Maedchen. Fuer die Timoresen sei Sex so natuerlich wie Essen und Trinken. Sie machen sich keine Sorgen. Und haben immer Kondome dabei. Und stehlen nicht. Denn hier gilt ein Ehrencode, anders als bei den Indonesiern, die sich morgens mit dem Portemonnaie davonmachen. Und die Vaeter finden alles in Ordnung, die Familie behandelt einen wie einen Koenig. Wenn der Junge frech ist, gib ihm ein paar Ohrfeigen, empfiehlt der Vater. Ja, natuerlich hilft es, wenn man weiss ist und Dollars hat. Aber die Timoresen sind auch sonst naughty. Sie haben etwas, was wir verloren haben. Was sie brauchen, ist eine Vaterfigur. Jemand, der ihnen Disziplin beibringt, der sie davon abhaelt sich gegenseitig umzubringen. Die Indonesier haben das gekonnt. Anders als die Australier, die hier nur rumlaufen, zukucken und Kaffee trinken. Ja, 200.000 Menschen umzubringen, das haetten sie nicht tun sollen. Aber es geht halt auch um einen schwierigen Balanceakt.

So ging das dann weiter, ganz im Houellebecqschen Stil. Der ausbeuterische Aspekt wurde in einem Manoeuver, fuer das es im psychoanalytischen Jargon garantiert einen Fachausdruck gibt, auf die portugiesischen GNR uebertragen. Weiss du, was die GNR hier machen? Die scheren sich doch einen Dreck um Osttimor. Ja, wenn es Probleme gibt greifen sie ein. Aber dann heisst es, jetzt beugt euch alle vornueber. So viele Timoresen wurden von denen vergewaltigt. Oh yeah, they love the young boys.

Die meisten Bars hier, wenn man von den Strandcafes absieht, sind uebrigens auch Karaokebars und Puffs. Die meisten Prostituierten kommen allerdings aus China.

Das Treffen mit Reinado ist noch nicht zustande gekommen, und die Zeit wird knapp. Ich freue mich bereits auf Melbourne. So langsam fuehle ich mich exzentrisch, im wortwoertlichen Sinn. Vom Zentrum abgerutscht. Ich brauche ein wenig Ruhe, um mein Weltbild neu zu kallibrieren. Eine Sisyphusarbeit, die unendliche Reise zum Mittelpunkt der Welt. Ich denke, wenn ich etwas hier gelernt habe (ja, ich bin noch immer so naiv, dass ich reise, um zu lernen, so wie die junge Englaenderin in Forsters Passage to India), dann wie natuerlich es sich anfuehlen kann, fremde Leute anzusprechen. Meine Zeit als autistischer Jugendlicher ist zwar schon laenger vorbei, aber trotzdem stehen viele kleine Barrieren im Weg, hoch genug damit ich mich frage, was soll es schon bringen?, und dann bleibe ich doch lieber bei mir. In Melbourne wird mir kein interessanter Mensch mehr entkommen. Aber jetzt unterschaetze ich meine innere Traegheit.

Ich sollte noch ein paar Fotos machen, aber es faellt mir sehr schwer, Menschen zu fotographieren, es sei denn ich kenne sie ein wenig und frage sie um Erlaubnis. Leider kriege ich auf diese Weise nicht die Bilder, die ich gerne haette.

Ein paar Treffen und Gespraeche stehen noch an. Und das war's dann.

Samstag, 27. Januar 2007

Mister goes to Elmera?

Gestern habe ich rein gar nichts gemacht. Muede und verwirrt. Und verdammt unprofessionnell. Am Abend sollte ich Natalino vom Student Solidarity Council treffen. Wir hatten ein paar Mal telephoniert und uns staendig missverstanden, was Zeitpunkt und Ort unseres Treffens anging. Schliesslich wartete ich vor dem Parlament, er wartete auf dem Unicampus, dann wollte er mich abholen. Ich wartete zehn Minuten, dann schaltete ich mein Handy aus und ging nach Hause. Ich hatte einfach genug. Genug von meinem malae Dasein und meinem Verstehenwollen. Meinen Versuchen, ein Land in eine Handvoll Saetze zu fassen. In einem Artikel zu erklaeren. Burnout schon nach zwei Wochen. Peinlich.

Vielleicht sollte ich auch keine Romane lesen. Vor allem nicht zwei parallel. Mit zwei Parallelwelten. Und mein Vertrauen in meine Faehigkeiten schwand dahin.

Heute habe ich Yohann getroffen, zufaellig, in einem indischen Restaurant, was erneut zeigt, wie klein Dili ist. Denn Yohann ist niemand Geringeres als Crazy Goat, Leiter einer Theatergruppe timoresischer Jugendliche, und ich hatte vor ihn zu sprechen, dachte jedoch, er waere nicht mehr in Dili. Crazy Goat zufolge ist uebrigens ein malae mit einem Pfeil in den Ruecken geschossen worden, als er auf Tetun Timoresen beschimpfte, die sein Auto mit Steinen beworfen hatten. Seit Jahresbeginn haeufen sich solche Zwischenfaelle.

Nach einer Partie Pool mit Cormac habe ich dann meine Kontakte getroffen, die ein Treffen mit Alfredo Reinado arrangieren wollen. Wie gesagt, alles sehr geheim. Wir haben uns auf dem Campus getroffen und habe mehrmals den Ort gewechselt, um keinen Verdacht zu erregen. Um nicht von Ostosttimoresen bespitzelt zu werden. Wir haben Kekse gegessen, Orangenbrause getrunken und ueber die Vorzuege von timoresischen und indonesischen Frauen geplaudert.

Einer von ihnen ist mit einem von Alfredos Bodyguards verwandt und will ueber seinen Cousin eine Verbindung zu Alfredo herstellen. Vielleicht kann ich schon morgen nach Elmera fahren, zwei Stunden von Dili entfernt, wo der Rebellenfuehrer sich mit seinen Maennern aufhaelt. Vielleicht. Denn moeglicherweise, falls der Bodyguard heute abend nicht nach Dili kommen sollte und falls die Rebellen ihre Handys nicht einschalten, dauert es laenger. Und ich habe nicht mehr viel Zeit. Am Mittwoch um 17 Uhr geht mein Flug und bringt mich zurueck in meine Wattewelt.

Donnerstag, 25. Januar 2007

Neues vom Volkskrieg

Bei der Blanquistisch-kommunistischen Brigaden-Fraktion (Misanthropen), kurz BKBF(M), handelt es sich um eine kleine, elitäre, linksradikale Politsekte. So jedenfalls die Selbstbeschreibung, die ich dem Editorial zur dritten Ausgabe einer Zeitschrift entnehme, die sich im Untertitel "inoffzielles untergrundmagazin der bkbf(m) - nicht zur wahllosen verbreitung bestimmt" nennt. Dieses sogenannte "Magazin", bei dem es sich um ein knappes Dutzend schlecht kopierter und von einer Tackernadel zusammengehaltener Blätter handelt, das keinerlei Großbuchstaben enthält, trägt den Namen "das bajonett", und dieser Name ist Programm. Doch der Reihe nach.

Mit der nicht wahllosen Verbreitung scheint es die BKBF(M) ernst zu meinen. Es war mir bislang nicht möglich, eine der ersten beiden Ausgaben des Bajonetts aufzutreiben - so sie denn existieren. Und nur durch eine Verkettung von Zufällen - und auf durchaus "inoffiziel-lem" Wege, wenn man mich versteht - bin ich an diese eine, mir vorliegene Ausgabe gekommen. Die Artikel sind nicht namentlich gekennzeichnet, zeigen keinerlei Spuren einer Lektorierung und fallen insbesondere durch eine rätselhafte Kommasetzung auf, bei der es sich eigentlich nur um alleatoriche Kunst oder einen sehr speziellen Geheimcode handeln kann.

Der Leitartikel - wenn man den Text, der die ersten drei Seiten des Hefts einnimmt, so nennen darf - widmet sich dem Verhältnis der extremen Linken zum Terrorismus. Dabei versteht er sich aber nicht als Beitrag zur Militanzdebatte innerhalb der Linken, sondern als Kritik an deren zentralen Prämissen vom Standpunkt der BKBF(M) aus. Dieser Standpunkt wird als "blankommismus" bezeichnet. Im Zentrum der blankommistischen Kritik steht der Begriff des Volksfeindes, der in klassischen linksterroristischen Bekennerschreiben verwendet wird, um die Opfer von Anschlägen zu bezeichnen. "der blankommismus, verhält sich zu dieser, negation der bestehendenn ordnung durch die auszeichnung führender ihrer vertreter, als volksfeinde, als negation der negation. der begriff des volksfeindes wird dialektisch aufgehoben ,bleibt beibehalten aber, er wird neu interpretiert. nicht mehr bezeichnet er, die feinde des volkes, sondernn, der feind ist das volk." Das mit der Misanthropie ist also wörtlich gemeint. Der Artikel fährt fort, analog den Volkskrieg als Krieg gegen das Volk zu reinterpretieren, und die Volksfront bezeichnet im blankommistischen Jargon die "apriori vorhandene front des volkes gegen alle progressiven kraefte". Doch die Blankommisten sind gewarnt: "wenn das volk, progressive tenndenuen ausbilet dann nur um sie bekämpfen zu können. keinesfall,s darf der revoluzionär der versuchung erligen, an jene tendenzen im volk anknüpfen zu wollen es sind nur fliegenfänger, und progressive die fliegen."

Aus dem Scheitern aller revolutionären und progressiven Projekte seit Marx (das im Artikel ebenso pauschal wie selbstverständlich konstatiert wird) wird der Schluss gezogen, dass der Mensch an sich nicht zum revolutionären Subjekt taugt. "aus strukturellen gründen, kann die progressive orientierung nur, stets die einer minderheit sein und sich ebenfalls nich tdurchsetzen,. unnsinn ist es, das volk, für den fortschritt gewinnen zu wollen, weil es immer fortschritsfeindlich ist nur auf kosten seines fortschrittlichen charakters, wird der fortschritt volkseigentum: fortschritt ist immer fortschritt gegen das volk und, wer für den fortschritt kämpft deswegen gegen das volk unnd umgekehrt. [...] die masse ist dumm und lenkbar sagt hitler, aber das ist die reaktionäre perpektive aus, denn, lenkbar ist das volk nnur vom reaktionären standpunkt aus. vom proggressiven ist es das wogegen man anlenkt. jede theprie, jede ploitische position, die durch das volk oder mit dem volk etwas bewirken will ist immer strukturell faschistich. dies ist recht verstanden, die formel des faschismus: government of the people, by the people, and for the people." Dies sind, soweit ich feststellen konnte, die zentralen Gedanken der ersten beiden Seiten des Artikels.

Das letzte Drittel ist noch kryptischer als der Rest, denn es widmet sich der Polemik gegen eine andere, mir völlig unbekannte Fraktion der blanquistisch-kommunistischen Bewegung, deren Anhänger als "schwarzhobbesianer" bezeichnet werden und ihre Sekte "Blanquistisch-kommunistische Brigaden-Fraktion (Anti-Leviathanisten)", kurz BKBF(AL), nennen. Offenbar besteht eine zentrale Position dieser Abstaltung darin, in der Analyse sehr weitgehend der politischen Theorie Thomas Hobbes' zu folgen, dabei aber die entgegengesetze Partei zu ergreifen - die für den Natur- und gegen den Gesellschaftszustand. Die Schwarzhobbesianer treten also für den Krieg aller gegen alle ein; oder jedenfalls wird ihnen das von Seiten der Blankommisten unterstellt. Beide Fraktionen streiten sich offenbar darüber, wie der "Volkskrieg" zu führen sei. Die Schwarzhobbesianer befürworten eine Strategie, die durch systematische Destabilisierung den Bürgerkrieg bewirken soll, und führen den Deißigjährigen und den Irakkrieg als positive Beispiele an. Die Blankommisten kritisieren diesen Standpunkt folgendermaßen: "bei diesem unfug, handelt es sich um eine undialektische verirrung wie sie seit bucharin keinen vergleich mehr hatte. der volkskrieg kann niemals als bürgerkrieg also als krieg des volkes gegen das volk, realisiert werden weil er dann immernoch vonn kräften des volkes getragen wird und stets das übergreifende moment bleibt, das er krieg des volkes ist. es kömmt aber drauf an krieg gegen das volk zu sein. er kann also nur von außen kommenn wir nennen dasexternen krieg, im gegensatz, zum immanenten der eigentlick gar kein krieg im revoluzionären sinne, ist ist sondern ein revisionismus." Unklar bleibt, wie ein solcher Krieg gegen das Volk "von außerhalb" vorstellbar ist - da es ja wohl kaum die Pointe des Blankommismus sein kann, auf eine außerirdische Invasion zu warten. Die neugierige Leserschaft wird lediglich auf die zweite Ausgabe des Bajonetts verwiesen, in der diese Frage offenbar schon beantwortet wurde.

Negativ möchte ich vor allem anmerken, dass im Bajonett kaum Sensibilität für Fragen von race und gender gezeigt wird. Hier wurde offenbar die Foucaultsche Wende verschlafen!

Dili im Fluss

In meiner Kindheit war Zebrastreifen eines der wichtigsten Woerter. Jetzt wirkt es wie ein Exot. In dem Wort steckt so viel Kindheit wie ansonsten nur in dem rosafarbenen Erdbeereis, das man mit einem roten Stiel in einer Plastiktube hochdruecken musste, um es oben wegzulecken. Dachte ich, als ich heute nacht in Roys The God of Small Things las. Zebra crossings. Ich konnte nicht schlafen.

Gestern hat es endlich wieder anstaendig geregnet. Ich liebe diese Stadt, wenn die Luft sich mit Feuchtigkeit fuellt, und sich dieses Gefuehl von Geborgenheit herstellt. Und der Himmel faerbt sich lila. In diesen Momenten ist es egal, wohin man sieht oder die Kamera richtet. Es ist unmoeglich, etwas zu sehen, was nicht wunderschoen waere.

Habe ich ihn schon erwaehnt, den Flow in Dili? Gestern abend ging ich am Strand spazieren. Alle fuenf Meter trifft man auf jemanden, der einen anlacht (wenn man selbst den Augenkontakt sucht und freundlich ist) und gruesst, der einen fragt ba nebe? wohin?, und man kann einfach stehen bleiben und ein wenig plaudern. Der Strom aus Freundlichkeit reisst nicht ab. Ganz anders als in westlichen Laendern, wo man sich von Insel zu Insel hangelt, von den Mitbewohnern ueber die Nachbarin zu den Arbeitskollegen. Der Unterschied war frappierend, als ich an meinem Ziel, einem von malae besuchten Strandcafe, ankam. Kein Blickkontakt, kein Laecheln. Die meisten Osttimoresen reichen einem die Hand auf eine sehr sanfte Art. Die Haende laesst man oft noch waehrend des Gespraechs ineinander ruhen. Und wenn man die Hand zurueckzieht, dann laesst man die Haende aneinander entlang gleiten, wie ein Streicheln.

Der Flow ist etwas Wichtiges, etwas sehr Zentrales. Denn dieses Blog ist Teil des Planes, den geistigen Flow am fliessen zu halten. Der Flow, der einen staendig umgibt, aus dem man nie rauskommt, der nie abreisst, ist die Utopie der Postmoderne. Am Anfang kann es unangenehm wirken, es wird einem der Boden unter den Fuessen weg gezogen, der Boden, der nicht nur Text sein soll. Aber das Bild hat einen sehr positiven Aspekt, Geborgenheit im Text, Dichte, Waerme. Wie in einem Film von Alomodovar. Ironischerweise kann ich mein Umfeld ja nur sehr wenig beeinflussen, und mit vielem will man nichts zu tun haben, also laufen meine Plaene (die vielen anderen hier noch nicht vorgestellten) darauf hinaus, doch wieder Inseln zu schaffen, wenn auch Inseln des Flows.

Ich habe mit zwei poolspielenden Un-Polizisten aus dem Yemen geplaudert. Schande ueber Yemen. Waere ihr Land, diese Terroristenbrutstaette, nicht schon ein Sandhaufen, sollten Gott oder die Amerikaner es zu einem machen. Die ersten Yemeniten, die ich hier getroffen habe und die ich um Auskunft gefragt haben, konnten gerade mal genug English um Dono zu grummeln. Die beiden anderen beklagten sich jetzt ueber den Mangel an Prostituierten, und sowieso sei das nicht rein, nein, ordentliche Timoresinnen muesste man vernaschen koennen, ja, sie haetten Familie in Yemen, aber die sei ja weit weg. Wenn die UN in dein Land kommt, verstecke deine Toechter! Ein T-shirt kursiert unter der Hand in UN-Kreisen, mit einer Bulldogge drauf und dem Schriftzug: Be safe tonight. Sleep with a peacekeeper. Kein Wunder, dass der UN-Chefvertreter mir ungefragt irgendetwas von Null Toleranz erzaehlt hat.

Da muss ich natuerlich ein wenig erklaeren. Osttimor ist kein islamischer Polygamistenstaat und kein westliches Land, mit anything goes als oberstem sexualmoralischem Prinzip. Die Sitten sind katholisch, man heiratet frueh und hat viele Kinder, im Durchschnitt acht pro Frau. Man vernascht hier keine Frau. Und die Frauen sind so schoen, dass man alle fuenf Meter auf eine Frau trifft, mit der man nur allzu gerne acht oder wenigstens vier Kinder haben wuerde.

Das Mitgiftsystem ist wie es scheint doch leicht anders. Ich habe eine deutsche Anthropologin, Judith, getroffen, die in einem entlegenen Dorf (10 Stunden auf dem Lastwagen) Feldarbeit betreibt. Sie ist von einer timoresischen Familie als malae Kind adoptiert worden. Judith zufolge sind stehen Haeuser in frauengebenden und frauennehmenden Beziehungen zu einander. Hinzu kommen andere Beziehungen, die den Handel von Schweinen und Bueffeln usw. betreffen. Dadurch entstehe leicht der Eindruck, dass Frauen gegen Bueffel getauscht werden, was allerdings so nicht stimmt. Beide Bewegungen sind Teile eines groesseren Beziehungskomplexes. Und in der Praxis bestimmen die Frauen sehr wohl, wen sie heiraten. Auch wenn Beziehungen mit Maennern aus den falschen Haeusern mit viel Angst eingegangen werden. Wenn keine Kinder dabei rauskommen, dann weiss man jo, wieso.

Heute habe ich mit Leuten gesprochen, die Reinado fragen wollen, ob er mir ein Interview gestattet. Die Sache ist absolut streng geheim, und die Popularitaet dieses Blogs verbietet mir, hier weitere Informationen preiszugeben. Die Namen der Zeitungen, fuer die ich als Korrespondent regelmaessig schreibe, werden ihn wohl kaum beeindrucken, kennt ja auch niemand. Ich muss mich umhoeren, wo ich ein Auto mieten kann.

Wenn ich noch ein paar Wochen hierblieben wuerde (meine letzte Woche hat begonnen), wuerde ich meinen Anteil Gewalt sicher abbekommen. Mittlerweile habe ich kein Problem mehr damit, am spaeten Abend spazieren zu gehen. Obwohl ich gestern ein mulmiges Gefuehl hatte, als ich vom Cafe im Westen ins Zentrum zurueckging. Ich hoerte Schreie, es schien mir, als hoerte ich ein paar Schuesse. Ich horchte nach Rotorengeraeuschen. Aber hier klingen viele Autos wie kleine Hubschrauber. Auf meinem Weg gab's keine Probleme. Ich habe noch ein wenig mit Strassenverkaeufern geplaudert, mit Simi und Costa. Und doch habe ich in meinem Kopf tagtraumartig Situationen durchgespielt, Duckmanoeuver, Machete-aus-der-Hand-Ringen.

In der vergangenen Woche sind fuenf Menschen getoetet worden, 24 landeten verletzt im Krankenhaus. Eine ruhige Nacht in Rio.

Mittwoch, 24. Januar 2007

Abschiedsbrief

Leider müsst ihr jetzt für mindestens drei Tage auf Posts von mir verzichten (was wahrscheinlich gar niemand gemerkt hätte, hätte ich es jetzt nicht geschrieben), denn ich reise in die süddeutsche Provinz, um diverse Verwandte aus Anlass eines Geburtstages zu besuchen. Das ist natürlich ziemlich weit von Kap Verde, aber was tut man nicht alles für die Familie!
In der süddeutschen Provinz ist es leider nicht so einfach, an einen Internetanschluss heranzukommen, denn dort wimmelt es nicht so vor Internetcafés wie in den Metropolen dieser Welt auf Osttimor oder Kap Verde.

Also bleibt mir nur, euch trotzdem schöne Tage zu wünschen. Hoffentlich machen die anderen beiden Knilche keinen Unsinn mit dem wehrlosen Blog während meiner Abwesenheit. Man weiß ja nie. Also passt schön auf, liebe Leser, und beschwert euch bei etwaigen Vorkommnissen.

Zum Abschied dafür noch einen (fast) original Kapverdischen Obstaufkleber für euch alle:











Lieber Bou, dir auch gute Tage während wir nichts voneinander hören (lesen)! Pass auf dich auf! Deine Be

Von Helden und der UN

Bevor ihr denkt, dass ein Martialartist im Kokosnussweinrausch mich mit einer Machete aufgeschitzt hat (doch, so was passiert), hier endlich wieder ein Post.

Am Sonntag, nach meinem Eintrag, bin ich auf der Suche nach einem offenen Lokal noch ein wenig herumgelaufen. Ein Jugendlicher meinte, es sei heute gefaehrlich, ein Bus sei mit Steinen beworfen worden. Wir haben uns dann zusammengetan, ich habe ihn zum Essen eingeladen. Kurz zu seiner Person: Roi wohnt nicht weit von meinem Guesthouse entfernt, schreibt eine These ueber das timoresische Mitgiftsystem. In einem Satz: Man muss den Eltern seiner Braut einen Bueffel schenken. Wie's scheint, gibt es viele Fremde (hier malae genannt, anscheinend leicht abschaetzende, aber sehr gaengige Bezeichnung), die sich hier eine Frau suchen und dann zuruecklassen, wenn sie wieder weggehen. Meine Frage, ob man denn den Bueffel zurueckkriegt, hat er nicht ernst genommen. Habe ich schon erwaehnet, dass es hier sehr viele schoene Frauen gibt? Die meisten mit sehr vielen schoenen Kindern.

Zurueck zur Gefahr. In den letzten Naechten gab es ziemlich viele Zwischenfaelle, rund vier Tote meinen Informationen nach. Ich bekomme nicht alles mit, weil es keine englische Lokalpresse mehr gibt, die UN ihre Webseite nicht schnell updaten. Am Nuetzlichsten ist timor-online.blogspot.com, das meiste jedoch auf portugiesisch. Die UN-Mitarbeiter haben ihre eigenen Informationsquellen, an die ich nicht angeschlossen bin. Nachts habe ich ein paar Schuesse gehoert, der UN-Hubschrauber ist die ganze Nacht hindurch seine Runden gedreht.

Grob gesagt kaempfen ein paar Martialartsbanden, in den vergangenen Tagen vor allem sete-sete und PSHT, gegeneinander. Ich habe Kontakt mit einem Anfuehrer von PSHT hergestellt, aber er hatte keine Lust zu reden, es sei jetzt alles kompliziert, nein, in den naechsten Tagen sei er in einem Trainingscamp ausserhalb Dilis usw.

Am Montag habe ich ein sehr interessantes Interview mit der executive director der Frauenorganisation Rede Feto gefuehrt, ueber die Krise von einer gender issues (d.h. feministischen - es gibt hier keine schwullesbitransintersex Organisationen, obwohl es viele Menschen mit uneindeutigem Geschlecht gibt) Perspektive aus betrachtet.

Auesserst fruchtbar war Dienstag. Ich habe Arte Moris besucht, eine Kunstschule, gegruendet von einem Schweizer Ehepaar, mit eigenen Mitteln finanziert. Kostenloser Unterricht, senior Studenten wohnen in der Schule (wo auch bis zu 500 Fluechtlinge untergebracht waren und verpflegt wurden) und bekommen einen Teil vom Erloes, wenn Bilder verkauft werden, vor allem an timoresischen Gemeinschaften im Ausland, da der Bevoelkerung hier die Mittel fehlen. Ein paar Bilder behaelt die Schule, um sie spaeter an ein timoresisches Nationalmuseum uebergeben zu koennen, als Anfang einer Sammlung. Sehr friedliche Atmossphaere. Positive Vibrations (auch viele Rastafaris).Ich habe an einem Workshop zu Comiczeichnen teilgenommen. Habe mit der Dozentin geplaudert, Claudia aus Chile. Sie hatte eine sehr aufregende Kindheit. Da ihr Vater in vielen Laendern fuer die UN gearbeitet hat, ist sie viel herumgereist. Sie hat mir in einem ihrer ersten Saetze gesagt, dass sie chronisch depressiv ist (sehr schoen, wenn Leute so offen sind), vor allem wenn sie in Chile ist, und deshalb will sie auch nicht zurueck, sondern nach Australien, um dort Drama zu studieren. Als Kind haette sie in der Schule immer die Hauptrollen gekriegt.

Lucca, der Gruender der Schule, hat viel auf die UN geschimpft, Inbegriff von Inkompetenz, Buerokratie und Ineffizienz. Natuerlich hat er Recht.

Ich habe mich dann mit einem jungen Kuenstler unterhalten, Savio, ein sehr ernster Typ, sehr beeindruckend. Er drueckt sich in seinen Bildern aus, scheint ihm viel Sicherheit zu geben, er versucht nicht alles, was hier vorgeht, zu erklaeren. Im Februar stellt er Bilder in Melbourne aus, dann sehe ich ihn hoffentlich wieder.

Arte Moris hat mich sehr beeindruckt. Wenn in Osttimor alles so funktionieren wuerde, gaebe es keine Probleme. Doch solche Projekte kann keine UN auf die Beine stellen. Sehr schade, dass ich selbst nicht kuenstlerisch veranlagt bin. Ein Comic, der die Geschichte Osttimors erzaehlt, im Stil von Art Spiegelmans Maus oder den Buechern einer bestimmten iranischen Comiczeichnerin, deren Namen ich vergessen habe, ist genau, was man braucht. Aber den muss ein Timorese zeichnen.

Savio hat mir die Telephonnummer von Max Stahl gegeben, mich aber gewarnt, Max sei immerzu busy.

Ganz so busy war er dann doch nicht. Wir haben uns am Abend in der Lounge des Timor Hotel getroffen - Luxushotel und Ort schlechthin fuer einen Kaffee spaet abends. Max Stahl ist ein Held. Er hat in Osttimor und in vielen anderen Krisengebieten Filme gedreht und hat dabei unzaehlige Male sein Leben riskiert. Vor allem hat er Aufnahmen vom Santa Cruz Massaker gemacht, die viele Menschen erstmals auf die Menschenrechtsverstoesse unter der indonesischen Besatzung aufmerksam machten. 1999, nach dem Referendum, als die UN das Land verliessen, nachdem die proindonesischen Milizen mit Hilfe der regulaeren indonesischen Armee ganz Dili niederbrannten (die Luftaufnahmen der Ruinen sind erschuetternd) und innerhalb einer Woche 5000 Menschen umbrachten, blieb Max hier und folgte der Bevoelkerung in die Berge. Zusammen mit John Malinkus ist er einer der Journalisten, die durch ihre Arbeit in Osttimor viel zur Unabhaengigkeit beigetragen haben.

Ich sass also mit Max Stahl in der Hotellounge, und wir haben uns vor allem ueber die momentane Situation unterhalten, auch er nimmt die UN nicht sehr ernst, auch wenn ich immer wieder Fragen habe einfliessen lassen, um Biographisches aus ihm herauszukitzeln. Er hat meine Ansicht bestaetigt, dass eines der Hauptprobleme ist, dass das Gefuehl nationaler Einheit, das waehrend des Unabhaengigkeitskampfes sehr stark war, nicht in die Rekonstruktionsphase hinuebergerettet wurde. Zum Teil ist die UN daran schuld. Sie sind hier angekommen mit ihren fertigen Vorstellungen, wie ein Staat zu funktionieren hat. Zu einer Regierung der nationalen Einheit, die als Uebergang zu einem Mehrparteiensystem geplant war, ist es nie gekommen. Vor allem hat die UN den Timoresen zu viel Verantwortung abgenommen, so dass viele die Institutionen nicht als IHRE Institutionen empfinden. Deshalb die Entfremdung, deshalb die Gewalt. Hinzu kommt natuerlich die Rivalitaeten zwischen verschiedenen Gruppen, Korruption und Nepotismus (viele Verwandte, viele Freunde) usw.

Fazit: Die interessantesten Menschen haben keinen Job, sondern machen, was sie fuer wichtig halten. Arbeiten fuer sich selbst und nicht fuer irgendeine Organisation. Zum Glueck werde ich jetzt fuer mein Studium bezahlt, so weiss ich wenigstens, wieso ich studiere.

Dann bin ich - mittlerweile war es dunkel - zu Fuss nach Hause gelaufen. Um die Zeit fahren keine Taxis mehr. Die Stadt war wie ausgestorben, sehr gespenstisch.

Heute habe ich mit Jose gesprochen. Er arbeitet fuer das CAVR, die Kommission fuer Frieden und Versoehnung, oder so aehnlich. Er hat auch erzaehlt von 99, als er in die Berge fluechtete. Seine schwangere Frau wurde nach Westtimor deportiert. Monate lang hoerte er nichts von ihr. Dann erzaehlt jemand ihm, er habe einen Sohn bekommen. Am gleichen Tag hoerte er, sein Sohn sei gestorben.

Die interessantesten Gespraeche habe ich nicht auf Tonband. Und wenn ich das Geraet einschalten wuerde, wuerde wahrscheinlich weniger Interessantes herauskommen. Aber es macht auch keinen Sinn, hier Gespraeche zu sammeln. Was soll ich damit machen? Ein Archiv anlegen? Eine Privatsammlung mit Fragmenten aus TL?

Bei Interviews gibt es ein bestimmtes Dilemma: Wichtige Typen lassen sich besser verkaufen, reden aber nur langweiligen Mist. Wenn jemand eine wichtige Position innehat, kann er nicht aus seiner offiziellen Rolle hinausgehen, und rattert nur Standardsprueche ab.

Heute habe ich den Chef der UN-Mission interviewt. Sehr schwierig, Inhalt reinzubringen. Man stellt eine kleine Frage, und schon rattert sie los, die Antwortmaschine, mit eingeschaltetem Autopiloten. Ich haette das Interview ein wenig anders drehen muessen. Vielleicht ein ein wenig provozierende Frage am Anfang, um den Typen auf dem falschen Fuss zu erwischen. Aber spaeter ist man immer klueger.

Am Abend werde ich versuchen, ein IDP-Lager zu besuchen. Ich habe gestern einen Timoresen getroffen, der im Jardin wohnt, einem Lager direkt vor dem Timor Hotel und bekannt als Unruheherd.

Vor allem werde ich versuchen, ein Treffen mit dem Rebellenanfuehrer Alfredo Reinado zu arrangieren. Ich weiss nicht, ob das mich klueger machen wuerde. Auf jeden Fall waere es eine gute Story und wuerde mir einen Grund geben, aus Dili rauszugehen.

Dienstag, 23. Januar 2007

Frisch und frei

In meiner neuen Rubrik "Helden des Alltags" möchte ich heute einen bemerkenswert gut gelaunten, Optimismus und Frische ausstrahlenden Herrn vorstellen, der für uns von den Machern des Penny-Markt-Prospektes erfunden wurde. Nehmt euch einfach alle ein Beispiel an ihm, dann wird die Welt gleich viel frischer, fröhlicher, freier - und gesund werden!

Wörter in der Fremde

Ist nicht die Bezeichnung "Fremdwort" eigentlich ziemlich diskriminierend? Wie man sich zurecht im letzten Jahr über Oskar Lafontaines Bezeichnung "Fremdarbeiter" beschwerte, so sollte man auch über diese Ausdrucksweise einmal nachdenken. Denn das sogenannte "Fremdwort" wird dadurch den "Heimatwörtern", "eingeborenen" oder auch "blutsdeutschen Wörtern" entgegengesetzt und damit ausgegrenzt.
Dabei sind uns sogenannte "Fremdwörter" ja oftmals gar nicht fremd, sondern eigentlich sehr vertraut. Unsere besten Freunde sind Fremdwörter. Zum Beispiel der schöne Begriff: "repressive Entsublimierung" - ursprünglich ebenfalls nicht-deutscher Herkunft - hätten Sie's geahnt? Viele andere sogenannte "Fremdwörter" habe ich ebenfalls sehr ins Herz geschlossen: zum Beispiel "Reflexion", "Kurkuma", "Monolog" oder "Rakete". Oder "genuin", oder "eskamotieren". Sehr schöne Wörter. Nicht zu vergessen: "Dialektik", die König unter den Wörtern.
Was wäre die deutsche Sprache ohne diese Worte? Ein armselig dünnes Verständigungsmittel, dem es an Grazie und Funktionalität gleichermaßen mangelte. Anstatt die Fremdwörter künstlich auszugrenzen, ist es geboten, endlich ihre enorme Integrationsfähigkeit zu würdigen. Naht- und klaglos passen sie sich in die fremde Sprachkultur ein und bereichern diese. Zugleich erleichtern sie uns damit ganz beträchtlich das Erlernen anderer Sprachen. Damit dienen sie zugleich dem Interkulturellen Dialog, den die Deutschen doch so schätzen. Um dies alles angemessen zu berücksichtigen schlage ich eine neue Bezeichnung für die "Fremdwörter" vor: "zugereiste Sprachbereicherungswörter".
Auch bei anderen diskriminierenden Wortbildungen mit "Fremd-" möchte ich für eine Neubennenung plaidieren:
Statt "Fremdenverkehrsamt" sagt man heute besser "Touristeninformation", statt "fremdgehen" klingt doch "Abwechslung haben" viel schöner, statt "Fremdkörper" wähle man lieber den Begriff "anderes Material" und aus "Fremdherrschaft" wird einfach "Herrschaft".

Noch eine Frage an die Leser: Welche Wörter sind eure besten Freunde? Schreibt uns eure Erfahrungen mit zugereisten Wörtern! Uns interessiert alles! Was macht ihr so am liebsten mit euren Wörter-Freunden, was habt ihr von ihnen gelernt? Schreibt, was euch bewegt!

Erzpositivistisches Geschwätz

Diesmal bin ich ganz früh dran mit meiner beliebten Rubrik "Zitat der Woche", und zwar deswegen, weil mir sonst nichts einfällt. Nachdem ich zuvor von Russell zu Hegel übergegangen war, mache ich diesmal den Salto zurück in die analytische Philosophie, oder, wie man auch sagen könnte, in die erzanalytische Philosophie, denn Quine, that's hardcore. Und natürlich liebe ich hardcore. Deshalb anbei ein wiederum extrem lustiges und sehr schlaues Zitat meines Lieblingspositivisten:

"All I am or ever hope to be is due to irritations of my surface."
(Willard Van Orman Quine, The Ways of Paradox and Other Essays, New York, 2. Auflage 1976, S.228)

Um meinen halluzinierten Bildungsauftrag ernstzunehmen, möchte ich der geneigten Leserschaft die Lebensdaten des Zitierten nicht verschweigen: 25. 06. 1908 (Akron/Ohio) - 25. 12. 2000 (Boston). Damit man das auch historisch und kulturell einordnen kann!

Und nun noch eine kleine Hausaufgabe: Was da in dem Zitat steht, das ist ja schon sehr materialistisch gedacht. Müsste man das als Marxist deshalb gut finden? Oder müsste man es schlecht finden, weil es zwar materialistisch, aber undialektisch gedacht ist? Aber wie müsste man das dann dialektisch aufheben? (Konjunktiv deshalb, weil man als Marxist ja jegliche angelsächsische Philosophie sowieso rundheraus ablehnt und es sich zur Ehre anrechnet, sowas gar nicht gelesen zu haben.)

Montag, 22. Januar 2007

Es lebe der Realismus! Alles andere ist Quark.

°

Der Revolutionär macht sich niemals Illusionen, denn er weiß, dass die Revolution nur durch Realismus gewonnen werden kann.
Mit Idealismus und Metaphysik kommt man in der Welt am leichtesten durch; denn man kann dann soviel Unsinn zusammenschwatzen wie man nur will, ohne sich auf die objektive Realität stützen zu müssen. Materialismus und Dialektik dagegen erfordern Anstrengung.
Der Revolutionär sieht nicht nur die Lichtseiten, sondern nimmt auch die Schwierigkeiten wahr. Er erforscht und untersucht seine Umwelt systematisch und lückenlos.
Durch harte und bittere Kämpfe, in denen viel Schweiß und Blut vergossen wird, erringt der Revolutionär den Sieg.

Sonntag, 21. Januar 2007

Aus dem Witzebuch des Philosophen

„Hallo, was machst du denn so?“, sagt der eine Satz zum anderen.
Antwortet der zweite: „Ich stehe hier, ich kann nicht anders.“

Ich wollte eigentlich ins Kino

Ein sehr guter Tag heute. Aber zuerst der Hypochonderpart des Posts. Meine Verdauung ist laengst wieder optimal. Einziges Gesundheitsproblem ist eine Erkaeltung, in der das Schwitzen schuld ist. Hinzu kommt sehr leichte Atemnot bedingt durch den Staub auf Dilis Strassen. Der Monsoon scheint dieser Jahr auszubleiben. Die IDPs freuen sich darueber.

Wieso ist heute denn ein guter Tag? Nun, ich habe meine Strategie geaendert, ganz unabsichtlich. Heute mittag habe ich auf dem Unicampus nach der Aula gesucht, wo eine Filmvorfuehrung stattfinden sollte. Zuerst bin ich auf eine Turnhalle gestossen, wo ein paar Timoresen Pingpong und Badminton spielten. Leider haben viele Timoresen die Gewohnheit, wenn man um Auskunft bittet, so zu tun, als ob sie Bescheid wuessten, auch wenn sie keine Ahnung haben. Ich frage also nach der Aula. Alle versichern mir, ja, das hier ist die Aula. Laeuft hier ein Film (Filem)? Ja, um fuenf. Sicher um fuenf? Nicht vielleicht um eins? Jaja, um eins.

Natuerlich kein Film weit und breit. Keine Leinwand in Sicht. Dann wurde ich auf der Suche nach der Aula in ein paar falsche Richtungen geschickt. Bis ich schliesslich auf ein Gruppe junger Maenner gestossen bin. Wir haben ein wenig auf, dann ueber Tetum geplaudert (sehr schneller Uebergang bedingt durch geringe Tetumkenntnisse meinerseits, ituan ituan), dann wurde es schnell politisch (ja, ich habe das Gespraech vorsichtig in diese Richtung gelenkt: Nun sagt mal, dieser Konflikt hier ...). Um es kurz zu machen: Das interessanteste Gespraech, das ich hier hatte. Ein Typ hat mir seine persoenliche Version der drei-Fronten-Theorie erlaeutert. Ehemalige Untergrundkaempfer (vor allem Studenten, jung, aus dem Westen), ehemalige Guerilleros (aelter, aus dem Osten) und Diplomaten (aus dem Exil, wo sie groessere Bildungschancen hatten) ringen um Macht und Einfluss. Okay, ich will jetzt nicht in Details gehen. Als Westosttimoresen (im Gegensatz zu Westtimoresen und Ostosttimoresen) sind die drei begeisterte Anhaenger von Alfredo Reinado, einem so genannten Rebellenanfuehrer, der waehrend der Krise desertiert ist und sich nun in den Bergen um Elmera verschanzt. Angeblich in Gewehrfeuerhoerweite von Dili. Wenn er Schuesse hoert, wird er nach Dili kommen, um mit den korrupten Politikern aufzuraeumen und fuer Gerechtigkeit zu sorgen, so sagt er. Der Typ ist hier eine Art Medienstar geworden, vielleicht kann ich ihn ja auch mal treffen.

Im Allgemeinen: Die Probleme in Osttimor ruehren von den vielen Egos her, die hier mitmischen. Die verschiedenen Fraktionen innerhalb der Timoresischen Gesellschaft, verschiedene Politiker und deren Familien, NGOs und UN-Agenturen, alle verfolgen eigene Interessen, die mit der Entwicklung des Landes nichts zu tun haben. Natuerlich kommen noch ein paar Sachen hinzu, ein Mangel an ausgebildeten Arbeitskraeften und an Bildung allgemein, so dass die Massen leicht manipuliert werden koennen. Und letzten Endes bedingen viele Probleme sich gegenseitig, und die Zusammenhaenge sind komplizierter. Aber wenn die Beteiligten ihre Eigeninteressen hintenan stellen wuerden, koennten alle anderen Probleme leicht geloest werden. Doch wahrscheinlich werden die Timoresen auf die naechste Generation warten muessen, die diese engen identitaeren Kategorien ueberwinden kann.

Das ganze Gespraech hat drei vier Stunden gedauert, dann habe ich die Jungs (Atino, Alito und einen schweigsamen Dritten) auf ein Bier eingeladen, und wir sind auf Motorraeder durch die Stadt gekrust.

Samstag, 20. Januar 2007

Blonde Guys

Das Schönste am Bloggen ist ja, neue Kategorien (sogenannte *Labels*) für Posts zu erfinden. Finde ich jedenfalls.
Deswegen bekommt ihr, verehrte Leser, jetzt von mir mal wieder eine neue Kategorie gewidmet - zum Amusement und zur Zerstreuung und damit ihr was lernt.

Sie heißt:


Und heute gibt es hier folgendes: nämlich ein Bild:




















(Da ihr ja literarisch gebildet seid, wisst ihr ja, dass man niemals Autor und lyrisches Ich miteinander identifizieren darf, denn das ist grundfalsch. Und außerdem: bin ich ja gar keine Frau (Das wisst ihr natürlich nicht. Aber ich.).)

Das erotische Gedicht

Rein raus rein raus rein raus
Rein raus rein raus rein raus

Rein raus rein raus rein raus
Rein raus rein raus rein raus

Rein spritz raus rein spritz raus
Rein spritz raus rein spritz raus

Schwitzen im Internet Cafe

Heute nur kurz, weil diese scheissteure und schrecklich langsame Internetverbindung mich in den Wahnsinn treibt. Wochenenden sind furchtbar. Wochenenden sind Tage ohne Timor Telekom.

Meinen gestrigen Plan, der unter dem Arbeitstitel "Kekse, Bier und Eiscreme" stand, habe ich zufriedenstellend umgesetzt. Zeit, ueber meine naechsten Vorhaben nachzudenken: Sonntag ist Kinotag. In der Aula der Universitaet wird irgendein Film gezeigt werden. Sicherheit ist, laut Flyer, garantiert. Montag und Dienstag dann hoffentlich zwei Interviews. Dann brauche ich noch ein Gespraech mit Regierungsleuten, vielleicht dem Wirtschaftsminister, und vor allem muss ich einen kubanischen Arzt treffen, denn das ist einer meiner Kindheitstraeume. Seit seinem Pfeilzwischenfall hat Chris sehr gute Kontakte zu kubanischen Aerzten.

Vielleicht kann ich mit einer Gruppe von Studenten aus Australien durchs Hinterland reisen. Sie wollen ueber laendliche Entwicklung recherchieren.

Ansonsten bin ich ein wenig frustriert, weil ich das Gefuehl habe, nicht genug zu tun, um unter die Oberflaeche zu kommen. Die Informationen liegen ja ueberall herum, man muss nur dran kommen. Ja, und dann ist da noch die staendige Ambivalenz des Outsiders und Voyeurs... blablabla... Und dieses verdammte Schwitzen.

Freitag, 19. Januar 2007

Hegelei

Vor einiger Zeit präsentierte ich im Rahmen meines Posts "Mehr Freiheit für Geschlechtsteile" einen als "Zitat der Woche" ausgewiesenen Satz des populären nudistischen Pazifisten und atheistischen Sozialisten Bertrand Russell. (Kleine Randbemerkung: Liest überhaupt jemand die älteren Posts? So ein Blog wird ja leider verkehrt herum angezeigt. Man sollte es eigentlich von unten nach oben lesen. Wer die neuesten Einträge zuerst liest, versteht oft den Zusammenhang gar nicht! Also, schön am Anfang, also hinten, anfangen. Denn, wie Kenner wissen, alles, was wir posten, ist unglaublich wichtig.) Das war, technisch gesehen, schon vorletzte Woche. Hier nun endlich das nächste Zitat der Woche. Und wer könnte ein passenderer Nachfolger Russells sein als Georg Wilhelm Friedrich Hegel? (Für jene, die sich die Reihenfolge der Vornamen nicht merken können, hier meine Eselsbrücke: Es handelt sich um den Großen Weltgeist Fersteher, also G. W. F. Hegel.) Bekanntlich waren es Russell und G. E. Moore, die den Briten die Hegelei ein für allemal austrieben. Marx sagt irgendwo, dass Hegel irgendwo sage, in der Weltgeschichte ereigne sich alles zweimal, aber vergessen habe hinzuzufügen: einmal als Tragödie, das zweite Mal als Farce. Marx vergaß hinzuzufügen: das zweitemal passiert es außerdem in der umgekehrten Reihenfolge. (Es ist nur ein kleiner rhetorischer Scherz, dass Marx das "irgendwo" gesagt habe, denn ich weiß natürlich, wo er es sagt: Es handelt sich um den Anfang des "18. Brumaire des Luis Bonaparte".) Hier also fällt Hegel die Ehre zu, die Russellei auszutreiben, und sei es auch nur in Form einer Farce; obwohl die Ereignisse in Cambridge vor hundert Jahren zugegebenermaßen einer tragischen Dimension eher entbehren. - Unter den vielen großartigen Zitaten Hegels habe ich eines ausgewählt, das bislang wenig bekannt ist und außer dem typischen enigmatischen Tiefsinn auch Hegels Talent für sublime Komik wunderbar exemplifiziert; darüber hinaus zeichnet es sich im Gegensatz zu diesem Text durch einen erfrischenden Mangel an Weitschweifigkeit aus. Es handelt sich um eine Randbemerkung zu einem Manuskript, das erst posthum veröffentlicht wurde, unter anderem unter dem Titel "Jenaer Realphilosophie (1805/06)". Ich zitiere nach dem von Gerhard Göhler herausgegebenen Band „Frühe politische Systeme“, dort S. 223, Fußnote 4:

"Die nordamerikanischen Wilden töten ihre Eltern; wir tun dasselbe"

Also ich finde das sehr lustig.

PS: Habt ihr euch auch schon gewundert, welcher Schwachkopf eigentlich auf die Idee gekommen ist, den Stuttgarter Hauptbahnhof in großen Lettern gleichsam unter die Überschrift zu stellen: "... daß diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist. - G. W. F. Hegel"? Es handelt sich hierbei, wie eigentlich unschwer zu erkennen ist, um einen Nebensatz. Und der nimmt sich irgendwie seltsam aus als Motto eines Bahnhofs, der nur ein paar Meter weiter unten, also auf Augenhöhe, stolz verkündet, nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg irgendwann, ich glaube in den Fünfzigern, wieder aufgebaut worden zu sein. Ich weiß nicht, wann das Hegelzitat dort angebracht wurde, aber es handelt sich meiner Einschätzung nach um einen typischen Fall vorzeitiger oder jedenfalls unbeabsichtigter Postmoderne. Man sollte das in die Lehrbücher aufnehmen als schwer zu übertreffendes Beispiel für einen schweren Fall von Dekontextualisierung; denn es handelt sich um eine Stelle aus der "Phänomenologie des Geistes", in der Hegel sich mit der erkenntniskritischen Philosophie Kants auseinandersetzt.

Nazis und Spielzeuggewehre

Ein paar lustigere Sachen habe ich vergessen, in meinem Letzten Block zu erwaehnen. Vor allem: Ich bin auf die Mitglieder einer Nazi Street Gang gestossen. Und habe einen Fotobeweis. Die ideologische Schulung laesst allerdings zu wuenschen uebrig. Die Nazis sind sehr nett und freundlich und wissen nicht, dass bei Hakenkreuzen die Richtung nicht beliebig ist. Vielleicht gruendet sich ja mal eine internationale Nazi NGO zum skill transfer.

Die Lieblingsspielzeuge von Dilis Kindern sind uebrigens Plastikgewehre. Wenn's Streit gibt, rufen sie wohl ihre grossen Brueder mit den echten Guns. Macht sich bestimmt gut auf Fotos. Schlagzeile: Schwerbewaffnete Fuenfjaehrige terrorisieren Dilis Einwohner. Vielleicht fliegen die Australier dann eine Staffel Kindergaertnerinnen ein. Wuerde auch den Militaers gefallen. Thailaendische Massagen werden doch auch irgendwann langweilig.

Auch: Ich habe gestern mein erstes Blut vergossen. Ein fieser Stein. Hat mich am Fuss erwischt. Genauer gesagt, habe ich den Stein erwischt. Mit meinem Fuss. Schuld sind eher die Sandalen als die Strassenkinder. Und da ich Desinfektionsspray und Pflaster dabei hatte, kann ich leider auch nicht mit Komplikationen aufwarten. Also doch kein Scoop.

Unter massivem UN-Schutz werden zurzeit Fussgaengerstreifen aufgemalt. Jetzt muss man Autofahrern nur noch beibringen, davor stehenzubleiben. Verkehr ist allgemein chaotisch. Unfaelle werden vermieden, indem Verkehrsteilnehmer andauernd hupen, wenn sie aneinander oder an Fussgaengern vorbeifahren. Auch sind die meisten Strassen zu Einbahnstrassen erklaert worden. Gestern dachte ich, als ein Jeep mit viel zu hoher Geschwindigkeit an mir vorbeibrauste, dass es eigentlich ein Wunder ist, dass ich noch keinen Unfall miterlebt habe. Fuenf Sekunden spaeter ist vor meinen Augen ein Hund unter die Raeder geraten. Ein furchtbares Heulen. Es ist ihm aber nichts passiert. Der Hund ist unversehrt hinten rausgekommend und jaulend in einen Hinterhof gefluechtet. Es klappt nicht so recht mit der Gewalt hier.

Meine Plaene fuer die naechsten Stunden betreffen Kekse, Bier und Eiscreme. Ich leide unter einem akuten Schokoladenmangel. Bier ist leider so teuer wie in Australien, und der selbstproduzierte Kokosnussfusel (siehe vorigen Eintrag) ist leider ungeniessbar, da kann man so viel Zucker reinschuetten, wie man will. Schmeckt nach Essig. Wie kann man nur so etwas Herrliches wie Kokosnusssaft in so etwas Furchtbares wie Kokosnusswein umwandeln?!

Heute hatte ich ein Gespraech mit dem Chef-Koordinator von Timor Post, einer Zeitung, die anscheinend sehr viel auf ihre Unabhaengigkeit gibt. Nach dem eigentlichen Interview hat er mich dann ausgefragt. Er wollte wissen, wie sie ihre Zeitung verbessern koennen. Also: Wie wird man ein guter Journalist? Was soll ich Hobbyjournalist ihm denn darauf antworten?! Sollte man recherchieren, wenn man weiss, dass ein Freund Probleme bekommt? In Dili ist halt jeder irgendwie mit jedem anderen verwandt oder befreundet, da kommt es schnell zu Interessenkonflikten. Ich habe mein Wissen natuerlich sehr gerne geteilt und habe mich irgendwie herausgeredet. Uebrigens: Wenn ihr jemanden kennt, der eine Druckerpresse loswerden will und der die Transportkosten nach Dili gern uebernimmt, dann meldet euch doch bitte bei Timor Post. Neben dem Formento Building (sollte als Adresse reichen).

Anfang naechster Woche treffe ich mich hoffentlich mit jemandem von Rede Feto, einer Frauenorganisation, von der ich erwarte, dass sie bestaetigt, dass die Gewalt ein Problem pubertierender maennlicher Jugendlicher ist (was stimmt), und jemandem von UNPol, der mich mit Informationen ueber die Entwicklung der Sicherheitslage nach der Krise im April/Mai fuettern kann.

Donnerstag, 18. Januar 2007

Sammeln für eine bessere Welt

Heute mal ein ganz hippiesker Obstaufkleber...

Die Rechnung des eiskalten Tigers

Gestern habe ich eine Beobachtung gemacht, die mich mal wieder bestätigt hat (worin, werdet ihr gleich sehen).
Ich sah mir nämlich "Le Samourai" (zu deutsch: Der eiskalte Engel) von Jean-Pierre Melville an und konnte dank dem Zweikanalton meines alten Videorekorders die Originalfassung und die deutsche Synchronisation vergleichen. Und was musste ich feststellen? Das ist ja alles ganz anders!

Besonders beim Schluss haben die deutschen Synchronisatoren sich voll ins Zeug gelegt.
Und zwar so:
(Ich gehe mal davon aus, dass der Film eh bekannt ist, aber wer nicht mag, soll das halt jetzt nicht lesen.)

Jeff Costello, der Samourai, hat einen letzten Mordauftrag zu erfüllen. Er ist in einem Nachtclub, er geht zu der Pianistin, wechselt mit ihr ein paar Worte, zieht seine Waffe und zielt auf sie.


Der Dialog im französischen Original:

Sie: "Pourquoi, Jeff?"
Er: "On m'a payé pour ca."

Da dachten sich die deutschen Synchronisatoren: Nein, das ist zu herzlos, wie kann er das so sagen? Da kriegt der Zuschauer ja einen Schock. Also fügten sie noch einen beruhigenden Nachsatz hinzu, damit der Zuschauer sich keine Sorgen macht.

Sie: "Wozu das, Jeff?"
Er: "Ich wurde dafür bezahlt. Keine Angst, es geschieht ihnen nichts."

Das ist doch schon gleich viel schöner. Der Samourai wirkt viel menschlicher und die Frau fühlt sich bestimmt auch wohler und der Zuschauer muss keine Angst mehr haben. Alles ist gut.

Aber es wird noch besser.

Einen Moment später hört man Schüsse und Jeff Costello geht zu Boden, erschossen von mehreren Polizeibeamten. Zwei der Polizisten gehen zu der Frau und sprechen mit ihr:

"Vouz l'avez échappé belle."
"Sans nous, c'était vous qui seriez morte."
Da tritt der Polizeichef hinzu mit der Waffe des Samourai und sagt: "Non." Dabei zeigt er die Waffe. Sie ist nicht geladen.
Die Kamera fährt zurück, Musik setzt ein, Film aus.

Aber sowas kann man dem deutschen Publikum ja nicht zumuten. Da sagt der einfach "Nein", und man sieht die leere Trommel, aber was heißt denn das jetzt? Wer ist dieser Jeff Costello? Warum hat er sich von der Polizei erwischen lassen, oder war er etwa unachtsam? Wieso hat der Polizeichef denn keine Erklärung für alles? Und was ist jetzt die Moral?

Solche Fragen stellt sich das deutsche Publikum, und man will ihm nicht zumuten, womöglich selbst eine Antwort zu finden, oder gar mit einem offenen Ende zu leben, das die Figur des Jeff Costello - Gott bewahre! - ambivalent und mysteriös zurücklässt. Der deutsche Zuschauer will sich doch einen Reim auf alles machen können! Er will das Wie und Warum wissen. Er will eine Erklärung. Das wissen die deutschen Synchronisatoren natürlich.

Deswegen geht die Szene so:

Erster Polizist: "Sie sind nochmal davongekommen."
Zweiter Polizist: "Ohne uns lägen Sie jetzt hier tot auf dem Boden."
Der Polizeichef: "Nein. ... [Er zeigt die Waffe] Er hat seine Waffe vorher entladen. Er hat uns herausgefordert. Eiskalt. ... Weil seine Rechnung nicht mehr aufging. Und er war mit sich selbst am Ende. ... So allein ... der Tiger im Dschungel."

Welch schönes und erbauliches Ende. Der Tiger im Dschungel, ganz allein, mit sich selbst am Ende. Wenn das keine einwandfreie Erklärung ist.

Und was ist die Moral? - Natürlich folgendes: Liebe Leser, schaut keine synchronisierten Filme, da werdet ihr nur beschissen.

Und noch eine Preisfrage an die Leser: Wie zum Teufel tippt man ein c cedille?

(an bou: bitte korrigier doch die etwaigen fehler in meiner französisch-transkription. danke.)

Weiter geht's mit Interviews

Vielleicht sollte ich meinen Ansatz ueberdenken. Der Interview-Ansatz hat den Vorteil, dass Interviews Gespraechen einen bekannten Rahmen geben. Jeder weiss, wie so ein Interview funktioniert, als Frage-Antwort-Spiel, jeder weiss, dass Journalisten nun mal so was machen, jeder bleibt innerhalb seiner comfort zone. Nachteil ist leider, dass die Interviewten immer in ihrer offiziellen Rolle bleiben. Meistens kommt ein Moment, in dem der Interviewte in Fahrt geraet, und man merkt, hier wird's ein wenig persoenlich, aber das war's dann auch. Vielleicht haengt's auch einfach von den Leuten ab.

Heute habe ich ein Interview mit zwei Leuten vom RTTL gefuehrt und, obwohl ich alle Fakten bekommen habe, die ich von den Leuten erwarten konnte, blieb es doch recht langweilig. Und zeigt wie ineffizient hier vieles laeuft. Die Webseite des 2002 gegruendeten RTTL steht noch immer nicht, aber drei vermutlich auslaendische Techniker werden sich darum kuemmern. Als ob man eine Webseite nicht in einer Woche hochfahren koennte.

Ich wollte auch an einer UN-Pressekonferenz teilnehmen. Am Hintereingang der Obrigadu Barracks (UN-Hauptquartier) hat ein indischer UN-Mitarbeiter mir irgendetwas erklaeren wollen - voellig vergeblich, weil ich kein einziges Wort von seinem Englisch verstehen konnte. Ich dachte nicht, dass so etwas moeglich ist. Am Haupteingang wurde mir dann mitgeteilt, die Konferenz waere in ein Hotel verlegt worden, und ich war nicht motiviert genug, um der Konferenz hinterherzujagen. Den Nachmittag habe ich dann teilweise in meinen Zimmer verbracht, mit einem nassen Tuch auf den brennenden Augen. Wahrscheinlich nur Sonnencreme in den Augen, aber so eine laecherliche Kleingigkeit hat ausgereicht, um mich zwei Stunden lang von jeder Aktivitaet fernzuhalten.

In den naechsten Tagen werde ich meinen Blick staerker auf die Sicherheitsentwicklung nach der Krise im April/Mai richten. Mit Interviews (ja doch) mit Fokupers zu Gender-Fragen, jemandem aus dem Justizsystem, jemandem von den Sicherheitskraeften (vielleicht UNPOL), einem Anfuehrer einer so genannten Martial Arts Gang (vielleicht kann mir Ismenio, ein Gangmitglied, dabei helfen), und Timor Post, letzteres ueber die Verantwortung von und den Umgang in den Medien.

Ansonsten: Ich habe mir bei einem Strassenhaendler etwas gekauft, was nach selbstfabriziertem Kokosnusswein aussieht und, mit Zucker, vielleicht sogar gut schmecken wird.

Mittwoch, 17. Januar 2007

Sieht aus wie Urlaub

Nach den aufregenden Ereignissen der vergangenen Tage hat sich jetzt ein Antiklimax eingeschlichen. Oder ist es die Muedigkeit der Tropen? Eher eine leichte Erkaeltung in Folge steandig nass geschwitzter Kleidung. Ich werde mir auf dem Markt Ingwer und Limonen kaufen, oder was anderes mit Vitamin C.

Gestern habe ich zwei Interviews gefuehrt, sehr interessante, doch leider habe ich eins verloren, weil mein Tonbandgeraet nicht richtig funktionierte. Und da ich kein Gedaechtnis wie Capote habe, der angeblich bei der Recherche zu In Cold Blood nicht einmal einen Notizblock benutzt hat, ist bei meinem Versuch, das Interview zu rekonstruieren, nicht viel herausgekommen. Vielleicht bitte ich Lita in einer Woche nochmal um ein Gespraech und sage, das Band sei im Dschungel verloren gegangen, um weniger bloed dazustehen. Scheiss Technik.

Ansonsten habe ich morgen ein Interview mit drei Leuten vom RTTL (Radio und Fernsehen).

Neben Schlaftabletten haette ich auch Visitenkarten mitbringen sollen. Business cards. Letzteres, um einen professionelleren Eindruck zu erwecken.

Gestern abend bin ich schwimmen (sehr entspannend, wie in einem grossen warmen Bad) und kokosnussaustrinken gegangen, mit Cormac. Wir haben uns auch eine Jesusstatue angesehen, die Statue in Rio, nur kleiner, ein Geschenk von Indonesien witzigerweise. Ein Kreuzweg fuehrt zur Statue, den man die Passion des Joggers nennen koennte, da hier die Westler ihre Fitnessobsessionen ausleben. Wahrscheinlich haben die topfitten Portugiesen der Nationalgarde (GNR - ganz toughe Kerle) hier einen neuen Standard gesetzt, dem der normale NGOler vergeblich zu entsprechen versucht. Fuer mich nur schwer zu verstehen, wo man bei dieser Hitze die Motivation zum Joggen hernimmt.

Vielleicht lerne ich demnaechst eine Anthropologin aus Deutschland kennen, die hier in einem entlegenen Dorf Feldarbeit betreibt.

Dienstag, 16. Januar 2007

Was heißt und zu welchem Ende studiert man... verkürzte Kapitalismuskritik

Sicher habt ihr euch auch schon oft gefragt: Was bedeutet überhaupt dieses Genöle von wegen "verkürzter Kapitalismuskritik"? Was soll man sich darunter vorstellen? "Katipalismus", was ist das eigentlich? "Kirtik", habe ich das Wort schon mal gehört? "Verkürzt", soll das jetzt heißen, dass man nur lange Texte schreiben soll? Und vor allem: Setzt sich in solchen Formulierungen nicht von vornherein ein phallozentrischer Diskurs durch? Wir meinen: Nein, nein und nochmals nein! Am besten lernt man aber nicht durch Frontalunterricht, sondern anhand von Beispielen; daher sagen wir nicht einfach nur: "Nein, nein und nochmals nein!", sondern veranschaulichen diese Neins auch. Verkürzte Kapitalismuskritik arbeitet oft mit besonders eingängigen Elementen, wie Schlager (sog. Protestsongs, die sich schmerzhaft ins Gedächtnis einbrennen und die qualvolle Existenz unter dem Joch des Kapitalismus akustisch veranschaulichen), kurzen, einprägsamen Slogans ("Another world is possible", "Pace", "Bush = Hitler", "Kauft nicht beim Juden") und lustigen Bildern. Nachfolgend wird ein sehr schönes Beispiel für letztere Kategorie dokumentiert. Die Bilder zeigen vorgeblich Arbeitsminister Müntefering (rechts) beim Instruieren eines ministerialen Lakeien (links, an den roten Haaren als SPD-Parteisoldat erkennbar).


"Der Sozialstaat muss verschwinden!"


"Es darf keine Spuren geben!"


"Wir machen kurzen Prozess."


"Wirf ihn den Sandwürmern zum Fraß vor!"


"Heil Hitler!"

Wer nicht verstanden haben sollte, was aus diesem Beispiel für verkürzte Kapitalismuskritik zu lernen ist, ist herzlich eingeladen, seine Fragen als Kommentar zu diesem Eintrag mitzuteilen.

Montag, 15. Januar 2007

Bereits Routine

Jetzt wieder zum Ernst des Lebens.

Meine beiden Interviews gestern waren prima. Heute stehen zwei weitere an mit Lita vom Forum of NGOs (FONGTIL) und einem Dozenten, von dem ich leider nicht recht weiss, was er macht.

Vielleicht bekomme ich ein Interview mit dem portugiesischen Botschafter, aber ich bin da skeptisch. Die Portugiesen bauen uebrigens gerade eine neue Botschaft. Bereits der Umfang der Baustelle reizt einen dazu, Ausdruecke zu benutzen wie postkolonialistische Nostalgie.

Miad hat noch ein paar interessante Contacts fuer mich, darunter ein Westler, der ueber Jahre hinweg bei der Entwicklung von Timors Fernseh- und Radiosendern mitgeholfen hat, und einen Typen, der vor ein paar Monaten ein Projekt zur innertimoresischen Versoehnung entwickelt hat, das dann von der Regierung bei der Ausarbeitung ihres eigenen Projekts Simu Male (Gegenseitiger Akzeptanz) benutzt wurde. Es gibt noch immer viele Kollaborateure unter den Osttimoresen, die nie zur Verantwortung gezogen wurden, was zu einem Klima der Gesetzlosigkeit und somit zur Krise im April/Mai beigetragen hat. (Dass die indonesischen Befehlshaber sich trotz Tribunal nicht fuer die Massaker von 1999 verantworten mussten, versteht sich von selbst.) Aber davon ein andermal.

Ein Nachtrag zur Pfeilgeschichte: Christopher wurde getroffen als er gegen drei Uhr nachts auf seinem Motorrad durch einen eher gefaehrlichen Vorort fuhr. Also ein Risiko, das man nicht eingehen muss. Er dachte zuerst, er waere mit einem Stein getroffen worden. Erst als er merkte, dass der Schmerz nicht nachliess, stellte er fest, dass ein 20cm langer Pfeil in seinem Oberschenkel steckte. Heute wird er vermutlich aus dem Krankenhaus entlassen. Nur eine Freundin, die (und weil sie) fuer die australische Botschaft arbeitet, durfte ihn besuchen.

Meinen Geburtstag habe ich mit einem Schokoladenkuchen gefeiert, den ich an die Leute im Guesthouse verteilt habe. Obrigadu barak. De nada. War sehr witzig. Niemand hat nach dem Anlass gefragt, und ich hab's auch niemandem erzaehlt, ausser Miad.

Die Kanadier sind heute morgen nach Kupang in Indonesien weitergefahren. Hier kommt irgendwann ein Foto hin.

Penisfechten

Nun gut. Die Leser haben sich entschieden, statt auf meine extra für sie designte Leserbefragung (siehe mein Eintrag "Interaktiv in Kap Verde") zu reagieren, lieber unmotiviertes Penisfechten in den Kommentarspalten zu veranstalten. Nun, jeder wie er mag. Da also die Leser sich nicht dafür interessieren, was hier in diesem Blog passiert, passiert jetzt einfach mal gar nichts. Auch nicht schlecht, wa?



















(genug nix für heute)

Zwischenfrage

Ist Bou ueberhaupt in Dili, Timor Leste, wie er andauernd behauptet? Ist er ein authentischer Dili-Blogger? Ist er ueberhaupt eine Person oder eigentlich ein alter ego von Ishtar? Ist er eine sie? Oder ein pensionierter Deutschlehrer wie rotznase? Und was wuerde das aendern?

Tut mir leid. Zwischen zwei Strassenschlachten werde ich leicht albern.

Pfeile, Daisy und andere Ueberraschungen

Waehrend wir immer noch auf den Monsoon warten, nimmt ein anderes fuer diese Gegend typisches Naturphaenomen seinen Lauf: Durchfall seit gestern. Kommt nicht ueberraschend, und ich bin dagegen geruestet. Falls meine Tabletten nicht ausreichen, sollte es nicht schwierig sein, in einer Stadt mit der groessten Dichte weltweit an chronisch magenkranken westlichen NGOlern zusaetzliche Medikamente aufzutreiben.

Problematischer ist der Schlafmangel. Einfach zu heiss. Und ab acht sollte man besser zuhause sein, es sei denn, man hat einen Freund, der einen vor der Tuer absetzen kann. Also hocke ich rum, wie gestern, ab acht und gehe im Hof herum wie in einer Gefaengniszelle. Zu muede, um irgendetwas zu tun, ausser ein Bier zu trinken, nicht muede genug, um mich hinzulegen. Vor allem nach einem aufregenden Abend wie gestern. Um die Story loszuwerden, wartete ich auf die Kanadier, die erst spaet zurueckkamen. Zu Fuss. So lange man auf der Strasse bleibt, die geradlinig vom Stadtzentrum nach Sueden zum Guesthouse fuehrt ist man recht sicher. Suedlich und vor allem in den Seitenstrassen wird's kritisch. Vielleicht kann ich demnaechst einen Google Earth Ausschnitt reinstellen.

Ja, die Story.

Gestern abend holte Miad mich ab. Dann ging's ueber Dilis schlagloechrige Strassen, ich hinten auf dem Motorrad. Waere ich nicht in Dili, waere das bereits mein Kick des Tages. Wir fuhren zum Castaways Cafes, einem Lokal voller UN-Leute, wo etwa ein timoresischer Elitepolizist mit einem iranischen Englischlehrer gegen einen Polizisten aus Rumaenien (kleines Kontingent von 10 Mann) und einen UN-Typen aus Sri-Lanka Pool spielen. Es ist mir ein Raetsel, wie die Sicherheitsleute sich koordinieren. Muss schrecklich ineffizient sein, wie diese ganze UN-Geschichte. Aber dazu ein andermal.

Miad erzaehlt mir von einem australischen Journalisten, der einen Tag zuvor von einem Pfeil getroffen wurde, zum Glueck nur ins Bein. Seine Freunde brachten ihn ins Militaerkrankenhaus, das eigentlich den Soldaten vorbehalten ist. Weil der Pfeil einen gemeinen Widerhaken hatte, musste sein Bein aufgeschnitten werden. Miad hat mir ein paar Bilder gezeigt. Der Pfeil wurde sehr schoen mit Papierbaendchen dekoriert. Da hat sich jemand muehe gegeben.

Wie's scheint, hat niemand auf den Journalisten gezielt. Wie's scheint, kann man mit diesen Pfeilen gar nicht zielen. Das beruhigt einerseits (naja, mich jedenfalls), weil es bedeutet, dass hier niemand auf die Idee gekommen ist, zur Abwechslung mal auf einen Weissen zu schiessen, andererseits heisst es, dass es einfach jeden treffen kann. Und nicht nur ins Bein.

Es kommt nur jedes Jahr einmal vor, dass ein Westler verwundet wird, also bin ich jetzt in Sicherheit. So kann man's auch sehen.

Wir haben dann noch ueber die ganze UN-Sache diskutiert. Damit will ich euch nicht langweilen. Hier geht's um Sensationsjournalismus. Schliesslich habe ich ihn gefragt: By the way, do you know Christopher Suttenfield? Ich sollte mich heute mit ihm treffen. Miad kuckt mich an: Das ist der Typ, der den Pfeil abbekommen hat. Verrueckt. Besuche scheinen im Militaerhospital uebrigens nicht gestattet.

Dann habe ich Chris Carrascalao kennengelernt, Tochter von Manuel Carrascalao, einer der Hauptfiguren im Unanbhaengigkeitskampf und vor allem bei den Massakern um das Referendum herum, 1999. Sehr interessantes Gespraech. Ich habe mich fuenf Minuten lang fuer meine unsensiblen Fragen entschuldigt. Sie will nicht mehr an diese Zeit erinnert werden. Sie kommt vor in Martinkus' A Dirty Little War, neben den Buechern von James Dunn und Clinton Fernandes Pflichtlektuere fuer jeden, der wissen will, was 1999 los war.

Ich habe die Geschichte von der vermeintlichen Schlepperbande erwaehnt, und alle Anwesendenheit nehmen die Sache sehr persoenlich. Dass Auslaender im Gefaengnis kein Essen kriegen, sei bullshit. Ein Nigerianer namens Dexter sitzt im Knast. Er hat in IDP-Camps nach jungen Frauen gefragt, die als Kindermaedchen in Syrien arbeiten wollen. Ein Arzt hat sich gewundert, dass die Maedchen HIV-Tests machen mussten (und auch Ganzkoerperfotos), und hat Alarm geschlagen. Zurzeit versuchen die Ermittler, eine Verbindung zwischen Dexter und dem libanesischen Businessman herzustellen, der vermutlich mit dem boyfriend meiner Zimmernachbarin identisch ist, obwohl die Leute nichts davon wussten, dass der Libanese im Knast sitzt. Die Kambodschanerin hat mich heute beim Fruehstueck ziemlich direkt gefragt, ob ich mit ihr nach Baucau fahren will, die zweitgroesste Stadt, oestlich von Dili, bevor sie nach Kambodscha zurueckfliegen muss. Keine Ahnung, was sie weiss und wie sie zu dem Typen steht.

Aber das Seltsamste. Haltet euch fest. Ich habe im Cafe mit einem Iren gesprochen, der als UN-subcontracter IT-Kram erledigt. Er hat irgendwann ein paar Tage in Luxemburg verbracht und zwei Maedchen kennengelernt. Ich meinte halbernst, vielleicht kenne ich sie ja. Und eine davon ist Daisy, meine beste Freundin in Luxemburg. Die einzige Person, die sich an Weihnachten bei meine Eltern erkundigt hat, ob ich im Land bin.

(Wenn ich wieder in Melbourne bin, kommt hier ein Foto mit Daisy hin.)

Hier sitze ich mit bunt zusammengewuerfelten Abenteurern aus allen moeglichen Laendern in dieser verrueckten Stadt, in staendigem Ausnahmezustand, und Cormac kennt Daisy. Und ich erzaehle, wie Daisy und ich an Flussufern sitzen, Gitarre spielen, Joints rauchen. Wie soll man so was verstehen?

Ok. Heute bin ich stehend KO. Aber meine ersten beiden Interviews stehen an, und ich wollte auch nur zur portugiesischen Botschaft gehen.

Ich hoffe, in ein paar Wochen kann ich was anderes schreiben. Eine vergleichende Studie zu den Frauenfiguren in Sofia Coppolas Filmen. Bemerkungen zum Rationalitaetsbegriff bei Brandom.

Sonntag, 14. Januar 2007

Selbstbewusstsein, als Glas Wasser veranschaulicht

Um gewisse Irritationen auszuräumen, die mein avancierter Stil und der anspruchsvolle Inhalt einiger meiner Posts verursacht haben, anbei eine kleine Reihe von Schaubildern.

Auf diesen finden sich wichtige Sachverhalte veranschaulicht, deren Kenntnis das angemessene Verständnis und die richtige Bewertung einiger Aspekte meiner Bloggerarbeit vereinfachen könnte. Die wichtigsten Informationen ergeben sich aus einem Vergleich aller drei Figuren, nicht aus der isolierten Betrachtung von, beispielsweise, Figur 2.

Der schematische, technische Charakter der Zeichnungen möge entschuldigt werden; er dient der größern Klarheit und der wissenschaftlichen Präzision. Bei den sanduhrförmigen Buchstaben handelt es sich um s's (ausgesprochen: "kleine Esses").

Falls Sie nach eingehender Betrachtung der Schaubilder denken: "Wow. Ich wäre auch gern so wie spit_Z!", dann haben sie alles richtig verstanden.

Interaktiv in Kap Verde

Als Kap Verdische Studentin erlebt man ja nicht ständig so viele Abenteuer, so dass ein Tagebucheintrag von mir äußerst langweilig wäre, nämlich etwa so:
"Heute musste ich mal wieder viel lesen, hatte aber keine Lust. Also habe ich einen Haufen anderer belangloser Sachen gemacht, wie zum Beispiel Spaghetti mit meiner selbst entwickelten Spezial-Tomatensauce gekocht und anschließend gegessen, Wäsche aufgehängt, ein wenig durch die Kap Verdischen Fernsehsender gezappt, und jetzt schreibe ich hier diesen Post."
Gähn. Die Hälfte der Leser ist schon eingeschlafen.

Dann doch lieber noch einen anmutigen Obstaufkleber! Denn Sammeln ist Welterfahrung für den Stubenhocker! (Preisfrage: Was stimmt daran nicht? - Preise nur gegen ausreichend frankierten Rückumschlag.)



Um unser Blog in touch mit der Leserschaft zu halten und die Zielgruppenrelevanz zu ermitteln, mache ich mal eine kleine Leser-Befragung:

Für wie spannend halten Sie eigentlich Obstaufkleber? Wollen Sie mehr davon oder lieber mal was Neues? Und was würde Ihnen dann da so zum Beispiel vorschweben? (Wir bitten um möglichst detailliert ausgeführte Antworten, damit Ihre Wünsche von unserem Kreativteam passgenau umgesetzt werden können!)

Schreiben Sie

"ähhrgrbl" für: "Sie sind von enormer politischer und soziologischer Aussagekraft. An ihnen kann man ablesen, welchen Stellenwert und welche Funktion Obst in unserer heutigen westlichen Gesellschaft hat. Besonders gut lässt sich an ihnen die Struktur von Geschlechterverhältnissen in Bezug auf Obstkonsum und Einkaufsverhalten ablesen."

"Unterwegsbahnhof" für: "Ich schaue lieber Obstaufkleber an als Kap Verdisches Fernsehen."

"Pups" für: "Soll se doch in ihrm blöden Blog machen was se will. Wird se schon merken, wenns dann keiner mehr liest außer ihr."

"Be ist doof und stinkt" für: "Ich mache bei Umfragen nie mit."

Oder besser noch, schreiben Sie doch einfach mal ganz eigenständig, was ihnen so im Kopf rumgeht, auch wenn das für Sie vielleicht etwas ungewohnt sein mag. Wir können Ihnen ja auch nicht immer alles vorkauen! Da draußen müssen Sie ja auch ganz alleine zurecht kommen, oder wollen Sie ewig sabbernd an anderer Leute Rockzipfel hängen? (Nur so nebenbei: Was machen Sie denn, wenn Röcke grade mal total out sind? Schonmal darüber nachgedacht, hmm?)

Die Traenen der kambodschanischen Freundin des libanesischen Frauenhaendlers

Wieder ein langweiliger, ereignisloser Tag in Dili. Viel habe ich nicht gemacht, ausser zwei Interviews zu planen, mit Oxfam und einem Dozenten fuer gemeinschaftliche Entwicklung an der Nationalen Universitaet.

Zwei Westler aus Kanada sind ins Guesthouse eingezogen. Nach einem gemeinsamen Streifzug durch Dili habe ich festgestellt, dass ich sehr froh bin, alleine unterwegs zu sein. In einer Gruppe stellt sich so leicht dieses sie-wir Gefuehl ein, was alles verdirbt, was einen ganz verschlossen macht. Und die Timoresen sind auch schnell eingeschuechtert und sprechen einen nicht an, wenn man in Rudeln auftritt.

Nach einem meiner Ausfluege durch Dili, habe ich mich zu einem Maedchen aus Kombadscha gesetzt, das auch im Guesthouse wohnt. Wir unterhalten uns oefters, schon allein weil wir beide Englisch sprechen. Sie weinte und ich habe sie moeglichst behutsam ausgefragt. Ihr libanesischer boyfriend sitzt im Gefaengnis, und als Auslaender muss er selbst fuer sein Essen sorgen. Seine Freundin bringt ihm das Essen ins Gefaengnis, Tag fuer Tag. Seine Familie weigert sich, nach Timor Leste zu kommen, angeblich haben sie nicht genug Geld. Sie wird womoeglich in den naechsten Wochen nach Kambodscha abgeschoben, so dass sich niemand mehr um ihn wird kuemmern koennen. Gestern ist er angeblich mit dem Kopf gegen die Wand gerannt und scheint auch ueber effektivere Selbstmordmethoden nachzudenken. Ich habe natuerlich ein wenig nachgefragt, was er denn im Timor macht usw. Schliesslich hat sie mir gesagt, dass er im Manpower-Business taetig ist. Und erst dann habe ich alles verstanden.

Vor ein paar Wochen habe ich im The Age und auf den ueblichen East Timor Webseiten gelesen, dass die Polizei gegen Organisationen vorgeht, die junge Maedchen dazu ueberreden, in Laendern im Nahen Osten als Haushaltshilfen zu arbeiten. Wie's scheint, enden sie dann als sex worker ohne irgendwelche Rechte. Und ich troeste die Zuhaelterbraut. Heute wollte ich mit ihr an den Strand Kokosnuesse austrinken gehen, aber es war ihr zu warm. Oder zu heiss.

Samstag, 13. Januar 2007

Das Elend der Philosophie



Der Revolutionär ist aufrecht im Kampf, entschlossen und voller Tatkraft. Er verbindet revolutionären Schwung mit Sachlichkeit.

Die Krankheiten des modernen westlichen Intellektuellen, Langeweile, Überdruss, Prokrastination, Motivationslosigkeit, Depressionen, Lethargie, Unambitioniertheit, Apathie, emotionale Verarmung, Genusssucht, Zwangneurosen, Trägheit, Abstumpfung, Soziophobie, Vereinsamung, Sinnverlust, Lebensmüdigkeit, sind ihm unbekannt.

In seinen Händen werden die Gedanken zu einer geistigen Atombombe von unermesslicher Macht und seine Arbeit zeitigt gewaltige Erfolge.

Austrairdisch

Verglichen mit den kleinen und feingliedrigen Timoresen wirken die australischen Soldaten wie Kampfmaschinen, wie Wesen von einem anderen Planeten (nein, keine Irks). In Gruppen von ca 10 Mann sichern sie die Strassen. Auf jeder Strassenseite je ein Mann, dann folgt das naechste Paar mit einem Abstand von 20 Metern usw.

Gestern abend bin ich auf eine Aussie-Patrouille gestossen. Einer der Diggers begruesste mich mit Hey. G'day, mate. What brings you to this side of the woods? Erst fuenf Minuten spaeter merkte ich, dass ich in die falsche Richtung ging. Richtung Flughafen, anstatt Stadtzentrum. Richtung Gefahrenzone, vor allem. Und es wurde schon dunkel. Die Zeitumstellung hatte mich verwirrt. Also schnell Richtung Guesthouse. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft wurde ich ein wenig nervoes. Ausgerechnet jetzt keine Taxis. Atmossphaere wie fuenf Minuten vor der Geisterstunde. Fuenf Minuten bevor die Menschen sich in Woelfe verwandeln. Zum ersten Mal war ich froh, ein Taxi zu sehen, als dann doch eins auftauchte.

Ansonsten gestern sehr ereignislos. Ich habe ein weiteres Interview arrangiert, mit Lita vom Forum der NGOs. Hoffe, dass ich noch vor dem Interview herausfinde, was die Frau eigentlich macht. Heute soll mich ein Freund anrufen, Miad Jamali, arbeitet als IT-subcontracter fuer die UN. Mit ein paar Jugendlichen geplaudert. Auch Jugendliche aus den IDP-Camps. Die meisten hoffen, dass ich ihnen helfen kann, in Australien zu studieren. Ich kenne tatsaechlich eine Frau - Helen Hill - die Timoresen hilft, Scholarships zu bekommen, aber hoechstens 5 pro Jahr. Indonesien ist viel billiger fuer Timoresische Studenten: 100 USDollar pro Jahr oder Semester. (50 USDollar fuer indonesische Studenten.)

Heute gehe ich zum Portugiesischen Kulturzentrum. Die Woxx will womoeglich einen Artikel ueber die portugiesische Praesenz in Timor Leste, weil sich ueber die wichtige portugiesische Minderheit in Luxemburg (15 % der Bevoelkerung) anscheinend ein Bezug zu Luxemburg herstellen laesst.

Freitag, 12. Januar 2007

Karaoke und Kommunikationsprobleme

Der Abend gestern verlief dann doch nicht so ruhig wie geplant. Nachdem ich mit drei indonesischen Frauen, die ebenfalls im Dili Guesthouse wohnen, Whisky-Cola getrunken habe - dabei konnten wir nicht sehr viel reden, da sie nur sehr wenig Englisch sprechen (littlelittle) und ich kein Wort Indonesisch. You happy? You like Brian Adam?? - bin ich mit ihnen und zwei Freunden in die Karaokebar Mayflower gegangen. Indonesische Songs sind zum Glueck sehr leicht zu singen, da die Sprache sehr phonetisch ist. Und nach einer Weile merkt man, dass die gleiche Woerter immer wieder vorkommen. Bengal di Bengal. Sayaaaaaaaaaaaannnnng. Ich habe u.a. Creep gesungen, das laut Karaokeschirm beginnt mit when you we're in the floor...

Sehr viel getanzt. Anfassen scheint hier sehr normal zu sein, auch zwischen Maennern. Vor allem eine der Frauen hat sehr viel geflirtet, was dann anscheinend problematisch wurde, als wir wieder im Auto sassen. Der Typ, der uns nach Hause bringen sollte, hat auf einmal mit der Faust auf die Fensterscheibe eingeschlagen, hat sein Geld zum Fenster rausgeworfen, ist falsch abgebogen und hat den Motor abgestellt. Ich habe natuerlich nicht kapiert um was es geht. Eine der Frauen konnte mir nur sagen, problem boyfriend-girlfriend. Wahrscheinlich eifersuechtig, ich hoffte natuerlich, nicht auf mich. Dann wurde unser Auto von Jugendlichen umstellt. Keine Ahnung wiederum, was die wollten. Ich bin mit zwei anderen aus dem Wagen, um die Dollars aufzusammeln. Schliesslich hat der Typ mit seiner Freundin gestritten - sehr physisch - waehrend der andere Typ sehr nett mit den Jugendlichen war. Das Ganze ging dann so aus, dass ich mit den drei Frauen zu Fuss nach Hause gelaufen bin - wirklich gelaufen, sie schienen die Gegend fuer unsicher zu halten, ich konnte das nicht beurteilen, die Strassen waren leer - wobei die Flirtende meine Hand gehalten hat. Ich weiss noch immer nicht genau, was los war. Ja, Indonesisch haette ich lernen sollen.

Heute werde ich versuchen, Leute ueber Telephon zu kontaktieren. Leute, die Englisch sprechen.

Donnerstag, 11. Januar 2007

Ach du meine Güte

Nee nee nee, das ist mir echt zu blöd.

Also wenn man schon meine Handschrift fälschen will, sollte man sich etwas mehr Mühe geben und z. B. wenigstens ein Muster verwenden, anstatt deren Eigenheiten aus dem Gedächtnis zu reproduzieren. Der Neigungswinkel der Buchstaben ist völlig falsch; die Bs, Ms und Gs sehen auf den ersten Blick ganz anders aus als meine; etc. pp.

Außerdem hätte ich das schöner formuliert; vorausgesetzt natürlich, der Inhalt wäre wahr und nicht etwa frei erfunden, und vorausgesetzt ferner, ich hätte die Angewohnheit, jeden Mist, den ich irgendwann erledigen will, auf Listen festzuhalten, um eine fade Ersatzbefriedigung zu schaffen angesichts der Tatsache, dass ich kaum etwas von alledem jemals gebacken kriege, wie das bei gewissen anderen Personen (deren Namen ich hier nicht zu nennen brauche, nämlich BE und niemand anderes, oder wer könnte wohl sonst gemeint sein? Nein, es ist be!) der Fall ist.

Wenn es aber schon darum geht, doofe Fälschungen zu veröffentlichen, möchte ich sagen, dass ich das auch kann und hiermit unter Beweis stelle. Anbei ein gefälschtes Photo von be, das Gavin O'Neill aufgenommen hat und das in Wirklichkeit irgendein Model namens "Zoe" in kitschiger Pose mit doofem Gesichtsausdruck zeigt und ein typisches Beispiel für langweilig-stereotypen, konformistischen, sexistischen vulgärerotischen Kulturindustriemüll darstellt. (Kleine Abschweifung: Nein, da fehlt kein Komma nach "sexistisch", da gehört kein Komma hin, da steht aus gutem Grund keins. Dieser Blogger kann sich vielleicht nicht mit außerirdischen Waffen versorgen, aber die Waffen der deutschen Grammatik, die in gewissen Kreisen mindestens ebensoviel Angst und Schrecken verbreitet, stehen ihm wohl zu Gebote!) Es ist natürlich eine schmeichelhafte Fälschung, denn in Wirklichkeit ist be total warzenübersät und hässlich, zumindest innerlich, sonst würde sie ja offensichtlich nicht so einen lügenhaften Dreck veröffentlichen! Außerdem will ich damit andeuten, dass es nämlich auch die Möglichkeit gibt, ungefälschte Photos von be zu veröffentlichen, die sie in diesem Blog sicher nicht sehen will. Hat das jeder kapiert? Ich will be (und andere potentielle Denunziatoren, die sich darauf verlassen, dass ich in Wirklichkeit keine Verbindungen zu den Irk habe, weil sie sonst nämlich befürchten müssten, ihre verleumderischen Veröffentlichungen bitter zu bereuen) also dazu motivieren, wenn sie schon solchen Unfug treiben muss, gefälligst bei gefälschten Beweisen zu bleiben. Denn ich schieße mit gleichen Waffen zurück; nur auf höherem intellektuellen und rhetorischem Niveau.

Enttarnung

Von wegen, spit_Z hat nichts mit Zim zu tun!! Welch infame und hinterhältige Lüge! Welch durchschaubare Lüge!!

Denn diesen Zettel fand ich heute morgen unter der Matratze von spit_Z:


Wohl eine Art Merkzettel, den er sich jeden Abend vor dem Einschlafen durchliest, um zu kontrollieren, wie weit er mit seinem Plan schon ist. Man beachte seine hektische und krakelige Schrift, die seine Nervosität verrät! (Ich muss den Zettel schnell wieder zurücklegen, damit er nichts merkt. Zum Glück ist er so auf seinen Plan fixiert, dass er die anderen Einträge in diesem Blog nicht liest.)

Spit_Z, mich kannst du nicht täuschen!! Ich weiß, wer du bist!! HAHA!

Ich kann nur davor warnen, den Einträgen von spit_Z Beachtung zu schenken - SIE SIND GEFÄHRLICH!

Equilibrismus und Apfelmus

Natürlich kann ich mit nichts derartig Faszinierendem aufwarten wie unser neuer Osttimor-Korrespondent (mein Vorschlag: outsourcen wir doch alles Relevante und Wichtige an den weltreisenden Superkorrespondenten bou).

Ich dagegen hatte gestern lediglich das Vergnügen, eine Diskussion mit meiner Mutter zu führen. Sie hat mal wieder eine neue Patentlösung für unser aller Probleme (also die, die mit der Wirtschaft zusammenhängen) gefunden. Sie heißt auch diesmal sehr schön, nämlich: Equilibrismus. Die Equilibristen, das sind so Leute (hauptsächlich deutsche Leute, auch viele Prominente!!!! - wie der renommierte Wirtschaftswissenschaftler und ausgezeichnete Finanzexperte Sir Peter Ustinov!), die glauben, dass man "die Wirtschaft" ökologisch und nachhaltig gestalten kann, sie quasi in einen harmonischen und ausgeglichenen, friedlich vor sich hin fließenden, den Menschen nützenden und dienenden Arbeits-Nahrungs-Blumenkinder-Kreislauf verwandeln kann, wenn man nur guten Willen zeigt und die richtigen, grundlegenden Reformen in Angriff nimmt.

Und das geht z.B. so: Man vierteilt das Parlament (leider nicht die Parlamentarier) analog zu vier angenommenen gesellschaftlichen Sphären in: ein Wirtschaftsparlament, ein politisches Parlament, ein Kulturparlament und ein Grundwerteparlament (sic!). Letzteres ist dann wohl für die Ausarbeitung der Leitkultur zuständig. Außerdem gibt es noch mehr ganz tolle Reformen: Reform des Steuersystems, Reform des Geldsystems, Abschaffung des Wachstums ("Wozu brauchen wir eigentlich Wachstum? Die meinen immer, wir bräuchten Wachstum, aber das ist doch ein Riesenquatsch! Wo soll denn das alles hinwachsen? Das kann doch gar nicht gehen! Wir müssen davon wegkommen, dass es immer Wachstum geben soll."), Einführung eines Grundgrundbesitzes für jeden bzw. Abschaffung des Privateigentums an Grund und Boden, usw. usw.

Der Kapitalismus soll dabei aber irgendwie bleiben, oder es interessiert eh keinen und weiß eh keiner, was das ist, und ist auch egal, man macht halt einfach mal Reform, ohne zu wissen, wie das alles eigentlich funktioniert. Pffz, Kapitalismus - das ist doch nur eine Erfindung von so Intellektellen, die nur daheim rumhocken und alles miesmachen wollen, weil sie zu faul sind, sich zu engagieren. Das kapiert doch eh keiner, was wollen die eigentlich... Pffz...

Verrueckt. Alles.

Darwin, 23:00, 28 Grad.

Es ist feucht und heiss, und ich denke zum erstem Mal seit langem, dass sich diese Reise lohnen wird. Ich muss laecheln, staendig, es liegt am Wetter. Ich verbringe die Nacht auf einer Bank vor dem Flughafen, begegne u.a. einem Australier, der fuer die Armee arbeitet und meint, er sei nicht sehr helle (dabei dabei tippt er an seine Stirn). Im Gespraech kommt heraus, dass er bald in den Irak geht - obwohl seine Frau schwanger ist. Wir wuenschen uns beide viel Glueck, er wird's noetiger haben.

Und alles kommt viel, viel besser. Dies ist das Verrueckteste, was ich je gemacht habe.

Irgendetwas nach 8 bin ich in Dili. Wir landen neben weissen Hubschraubern mit UNO-Aufschrift. Noch nie war ich der UN so nahe. Hat schon jetzt einen Hauch Krisengebiet. Es ist feucht, Wolken haengen dicht ueber den Baeumen. Doch noch warten die Menschen auf den Monsoon. Verspaetung wegen El Nino. Noch sind die Flussbetten trocken, Wenn der grosse Regen (udan bot) anfaengt, werden die Fluechtlingslager, die es hier an jeder Strassenecke gibt, ueberflutet. Was dann?

Im Zollamt aergere ich mich kurz ueber mich selbst. Ich habe angegeben, dass ich als Journalist hier bin, anstatt mich einfach als Tourist anzugeben. Also 20 Dollar mehr fuers Visum. Aber der Beamte gibt mir trotzdem ein Visum der Klasse eins, fuer Touris.

Vor dem Flughafen stehen schon die Taxifahrer und Zigarettenverkaeufer. Ich bin froh, als ein UN-Mitarbeiter mir anbietet, mich in die Stadt zu fahren und mich vor dem Dili Guesthouse rauszulassen. Und schon sitze ich im Jeep, mit UNO-Flagge an der meterhohen Funkantenne. Der Typ fordert uns auf, die Tueren zu verriegeln und unsere Koepfe von den Fensterscheiben fernzuhalten. The guys throw stones at us. The last days have been rather calm though.

Es ist verrueckt. Alles. Ueberall junge Menschen auf den Strassen. Uebrraschend viel Verkehr. An Benzin scheint es keinen Mangel zu geben. Alle fuenf Sekunden faehrt ein Taxi hupend an mir vorbei.

Doch wwwwwwwrrrrk. Rewind. Noch sitze ich im Jeep. Die UN-Leute setzen mich vor dem Guesthouse ab, waehrend sie mir raten, nachts in dieser Gegend vorsichtig zu sein. Ich gehe hinein in einen Hinterhof. Junge Frauen begruessen mich, ein Mann sitzt an einem weissen Plastiktisch, ziemlich ungeflegte Hunde (Dili ist voll davon) straeunen im Hof herum. Das Zimmer gibt's fuer 5 Dollar (passt in mein Budget), ist sehr schlicht und aggressiv sauber. Insektenvertilgungsmittelgestank liegt schwer in der Luft. Die Dosis killt alle Moskitos und laesst die Menschen gerade am Leben.

Ich spreche ein wenig Tetum mit dem Mann, was sehr gut ankommt. Diak ka lae? Haunia naran Gilles. Es kostet mich ein wenig Ueberwindund, nach draussen zu gehen. Ohne UN-Begleitschutz. Arm, jung, schwarz: Die Menschen wirken aggressiv auf mich Westler, doch nur auf den ersten Blick. Noch nie bin ich dermassen oft angelaechelt worden. Ich habe noch nie soviel gelaechelt. Wie gesagt, es liegt am Wetter.

Australische Soldaten in voller Montur fahren im Lastwagen an mir vorbei. Ein Typ winkt mir zu. Winken unter Westlern. Surreal.

Mit meiner selbstgebastelten Karte schlendere ich durch die Strassen. Nach Jahrzehnten der Unterernaehrung sind die Timoreser nicht sehr hochgewachsen Ich bin einen Kopf groesser und sogar muskuloeser. Ein sehr ungewohntes und sehr gutes Gefuehl.

Natuerlich ziehe ich einen Schwulen an. Wie mache ich das bloss. Er ist auf dem Weg zu einem Photostudio. Wir posieren zusammen. Dann will er mich zu IOM und Lao Hamutuk fuehren, wo ich Leute fuer Interviews gewinnen will. Seine Eltern und sieben seiner neun Geschwister sind tot. Natuerlich fragt er mich schliesslich, ob ich einen Freundin habe. Ja, aber sie ist doch nicht hier? Sehr schwul. Er erzaehlt mir von seinen drei Freundinnen, nachdem ich scherzhaft meine, er haette wohl keine Freundin. Ich habe den Eindruck er fuehrt mich im Kreis herum, nur um laenger mit mir reden zu koennen. Er hofft, ich koenne ihn mit nach Australien nehmen, wo wir dann zusammen wohnen und zusammen studieren. Wir fragen hundert Leute, darunter eine Frau mit nackter Brust (stillt ein Baby) und Soldaten aus Yemen, die von gar nichst keine Ahnung haben.

Schliesslich bei Lao Hamutuk. Interview vereinbart fuer Montag. Dann bei IOM. Ebenfalls Interview am Montag. Alles perfekt. Alles so leicht.

Dann die schoene Seiten des Lebens in Drittweltlaendern geniessen und sich fuer einen Dollar den Bauch vollschlagen. Falls ihr Emergency Sex gelesen habt (UN-Einsatz als Nonstopparty): Danach sieht es aus.

Jetzt besorge ich mir noch ein Bier und dann zurueck zum Guesthouse. I will zurueck sein, bevor es dunkel wird.